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Vom Kitsch im Herzen und erdbeerduftenden Stundenhotels…

„Der Kitsch in meinem Herzen“

Vor ziemlich genau einem Jahr bestritten Dominik Leitner und Martin Peichl ihre „Screenshot“-Lesung  im read!!ing room. Es war ihre erste gemeinsame Lesung vor einem größeren Publikum. Damals frönten Sie ihrer gemeinsamen Twitter-Leidenschaft und zündeten ein wahres Metaphernfest ab.

Ein Jahr später war alles … ähnlich und doch ganz anders. Präventiv hatten die beiden Autoren ihren Leseabend mit dem Pickerl  „Kitsch in unserem Herzen“ versehen. Dies war Teil einer mehr als gelungenen Inszenierung. Vor der eigentlichen Lesung wurden sinnbildlich Lebkuchenherzen und Punschkrapfen an das sehr geneigte Publikum verteilt.

Kitsch as kitsch can…

Nach dem Warming Up ging es los. Martin Peichls Ton entwickelte sich bereits in den ersten Texten von „Troubadour auf Speed“ aus dem Jahr 2016 in Richtung „old fashioned urban-dirty anno 2017“. In vielfacher Hinsicht wurde der Minnesang an ein nicht näher definiertes weibliches Du zwar thematisch beibehalten, dennoch hatte er sich entwickelt. Der Gesang war zu einem Abgesang auf die „Beziehungs“-Ebene geworden. Bei Dominik Leitners Texten wurde dies mehr als deutlich.

Oft war es Leitner, der die leiseren Töne setzte, der dem härteren Beat von Peichls Texten etwas Leiseres und Zerbrechlicheres entgegensetzte. Die beiden inszenierten ein fast schon klassisches Stück mit einer relativ eindeutigen Klangfarbenverteilung. Peichl brachte seine Texte in einem Presto, während Leitner eher für das Adagio sorgte. Mein Griff zu den Musikmetaphern ist gerechtfertigt, da Martin Peichl auch Texte wie Thomas Kunsts „Was wäre ich am Fenster ohne Wale“ remixte. Er ließ es sich nicht nehmen, Friederike Mayröcker ein lyrisches Ständchen darzubringen. Auch „Romeo und Julia müssen sterben“ fiel in die Kategorie Remix.

Ich und Du als zentrales Motiv

„Am Du werden wir erst zum Ich“ und „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ sagte einst Martin Buber. Das Spiel zwischen dem „Du“ und dem „Ich“, die Begegnungen, die daraus entstehen und seien diese noch so flüchtig, waren das Leitmotiv des Abends. Das angekündigte Thema „Kitsch“ war lediglich die Zuckerglasur.

Natürlich sind die Texte von Martin Peichl und Dominik Leitner keine Reflexion auf die Bubersche Metaphysik und das was der Philsosoph als die „wahre Ehe“ bezeichnet. Aber dennoch blieb Bubers Grundprinzip in profan-weltlicher Weise erhalten. Die Suche nach der eigenen Identität in der Begegnung mit einem realen oder fiktiven „Du“ war essenziell für Peichls und Leitners Literatur an diesem Abend. Da konnten die beiden jungen Herren vordergründig noch so viel Kitsch, Sex und Rock ’n Roll auffahren; sie konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie sich an diesem existenzialistischen Prinzip literarisch abgearbeitet hatten.

Beziehungsseismografen

Die bisweilen seismografisch genauen Beobachtungen und Retrospektiven (bei Leitner), die jedes Lachen, jeden Blick, jede Veränderung der Gesichtshaut registrierten, waren mehr als Indizien für die große Suche nach dem „Du“ im „Ich“. Auch der Verlust einer geliebten Person („In Wien kann man nur verlieren“ von Dominik Leitner) konnte –  trotz aller Wien-Tod-Suizid-Klischees – das eigentliche Thema nicht verstecken . Auch wenn Martin Peichl sich große Mühe gab, die Suche nach dem „Ich“ im „Du“ auf bisweilen biergetränkte flüchtige Begegnungen mit oder ohne dem gelegentlichen Austausch von Körperflüssigkeiten zu reduzieren, blieb das Thema in doppelter Weise präsent: Das „Du“ als Orientierungspunkt für das eigene „Ich“ und die Unmöglichkeit aus dem „Du“ und dem „Ich“ ein dauerhaftes „Wir“ zu formen.

Bei Dominik Leitner wurde diese Reise ins „Du“ besonders deutlich im Text „Tiefpunkte“. Leitner beschrieb mit allen Synästhesien eine typische On-Off-Beziehung. Dieser Text war fast schon wie eine Resignation, ein Abgesang auf ein gemeinsames „Wir“, gehüllt in das Erdbeerduftparfum der Angebeteten. Folglich hieß auch eines der Gedichte, das Leitner las, „Du und ich“ – Kommunikation wurde unmöglich, Schweigen wurde zur Beredsamkeit.

Perfekt vorbereite Lesung

Nettes Dissen (früher hätte man gesagt: Neckereien) zwischen den Autoren, feine Bierdeckel- und originelle Spam-Gedichte sowie Postkarten, Running-Gags zum Thema Mond und Erdbeerduft lockerten die Lesung merklich auf . Eine „klassische“ Hochzeit im Burgenland sorgte so zum Beispiel für „good vibes“ beim Publikum (vielleicht gerade deshalb, weil die Braut den Altar verließ).

Martin Peichl und Dominik Leitner hatten sich etwas für ihren zweiten gemeinsamen Auftritt im read!!ing room überlegt. Es ging Ihnen nicht nur darum ihre eigenen Texte in den Vordergrund zu stellen, sondern dem Publikum auch etwas mitzugeben – und zwar mehr als ein „kitschiges“ Lebkuchenherz.

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Ein Kommentar

  1. […] „Oft war es Leitner, der die leiseren Töne setzte, der dem härteren Beat von Peichls Texten etwas Leiseres und Zerbrechlicheres entgegensetzte. Die beiden inszenierten ein fast schon klassisches Stück mit einer relativ eindeutigen Klangfarbenverteilung. Peichl brachte seine Texte in einem Presto, während Leitner eher für das Adagio sorgte.“ (Vom Kitsch im Herzen und erdbeerduftenden Stundenhotels… auf readingroom.at) […]

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