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„Das gute Leben“ und „Freie Räume“

Am 16. Dezember präsentierte Mag. Peter Schaden von der Edition FZA drei junge Autor*innen, die beim Wiener Werkstattpreis 2017 eingereicht hatten. Peter Schaden gab Einblicke in die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Fluch’t’raum sowie in die Anthologie „Freie Räume“. Vorher stellte er – in seiner Eigenschaft als Herausgeber und Verleger – die junge Autor*innen vor.

Michèle Pauty

Michèle Pauty, Jahrgang 1982, präsentierte einen Text, aus der historischen Perspektive einer jungen Frau, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges nach Österreich floh. Die Künstlerin und Berufsfotografin trug die Erlebnisse ihrer Protagonistin mit einer gewissen Zerbrechlichkeit vor, so als wollte sie die mehr als prekäre Situation ihrer jungen Heldin, die aus ihrer Heimat vertrieben wurde, auch stimmlich unterstreichen. Pauty lieferte sprachlich tolle Bilder und schuf mit wenigen Sätzen eine ganze Welt.

Der Jüngste im Bunde

Gregor Heim, Jahrgang 1995,  las ebenfalls seinen Beitrag zum „Wiener Werkstattpreis 2017“. Es handelt sich um die Geschichte eines sowjetischen Lagers und einer Theateraufführung. Ohne die genaue historische Referenz zu kennen (Tragödie von Nasino?), hatte der Text etwas vom surrealem Theater der 50er und 60er Jahre.

Tatsächlich bildete ein im Konzentrationslager aufgeführtes Theaterstück den Rahmen von Heims Erzählung. Die Absurdität der lebensbedrohten Situation spiegelte sich in den Dialogen der beiden Protagonisten Iwan und Piotr, die offenbar als einzige eine Sprechrolle in diesem Stück inne hatten.

Gregor Heim

Schriftstellerisch gesehen, sind derartige Unterfangen in der Umsetzung schwierig , da es sich meist um Erlebnisse aus der dritten Hand handelt. Viel Recherche und ein sehr gutes Handwerk sind notwendig. Der Philosoph und Autor Wilhelm Dilthey vertrat die Meinung, dass „Erlebnisse […] die Quellen [sind], aus denen jeder Teil eines künstlerischen Werkes gespeist wird.“ Auch der Filmemacher Michael Haneke weist seine Student*innen auf eine ähnliche Tatsache hin.

Wanderin zwischen den Welten

Die gebürtige Ukrainerin Iryna Lykovych (Jahrgang 1984) las einen Auszug aus ihrem Roman „Die Stadt der toten Taube“, der bereits in ihrer Heimat hätte erscheinen sollen. Lykovych arbeitet derzeit an einer Übersetzung ihres Werkes, das in der Ukraine nicht erscheinen konnte, da „die Ukraine Helden braucht“. Tatsächlich ist die Protagonistin eine spannende Figur, die sich nicht nur auf der „Flucht“, sondern auf der Suche nach der Identität befindet.

Aufgewachsen als Ungarin in der Ukraine, erlebte die Heldin die Tage der „orangenen Revolution“ als Außenstehende. Als Studentin beschäftigte sie sich lieber mit der Lyrik ihres Landes und weniger damit auf LKW’s orangene Fähnchen zu schwingen. Der Ton ist authentisch und doch mit einer ganz eigenen Poesie versehen. Lykovych, die bereits in der Zeitschrift „Zwischenwelt“ der Theodor-Kramer-Gesellschaft, Gedichte mit dem Titel „Meidling“ veröffentlicht hat, ist eine Wanderin zwischen den Welten und zwischen den Literaturen. Sie bewies an diesem Abend, dass Diltheys Einschätzung auch über 100 Jahre nach dessen Tod ein guter Ausgangspunkt sein kann.

Iryna Lykovich

Veröffentlicht in Veranstaltungen

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