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Vollgepumpt mit Metaphern

Martin Peichl und Dominik Leitner
Martin Peichl und Dominik Leitner

 

Martin Peichl und Dominik Leitner lernten sich über Twitter kennen. In Zeiten von sogenannten sozialen Medien eigentlich nichts Außergewöhnliches – und doch war es der wunderbare Ausgangspunkt einer literarischen Freundschaft und der Referenzpunkt für eine gemeinsame  Lesung im read!!ing room. Folgerichtig hieß der Titel des Abends „Wenn wir weit genug runterscrollen, finden wir auch eine Geschichte“. Insgesamt wurden neun Texte präsentiert und man musste gedanklich und akustisch durchaus mitscrollen. Nicht immer waren Geschichten im klassischen Sinn zu hören, dafür jedoch ein Feuerwerk an inneren Monologen und ausgewählten Metaphern.

Die Texte der beiden Jungautoren drehten sich im Wesentlichen um das zarte Geschlecht, wobei sehr schnell klar wurde: Das zarte, korrekterweise zartbesaitete Geschlecht, bezog sich sehr oft auf die männlichen Ich-Erzähler und weniger auf die Angebeteten. Leitner ging sogar so weit einen wunderbaren Gegenentwurf zum Machismo zu zeichnen. In „Der ungleiche Kampf zwischen Liebe und Zweifel“ skizzierte er einen Zauderer, einen Be-denker, kurzum einen Mann, der sich im „aber“ wohlfühlt.

Martin Peichl und Dominik Leitner schreiben Texte, die sich um Protagonisten mit guten Absichten und schlechten Entscheidungen drehen. Nebenbei führte Dominik Leitner, der durchaus in der österreichischen Blog-Szene  mehr als ein Begriff ist, eine neue literarische Gattung ein: Die Liebesabsichtserklärung. Der Text hieß folgerichtig: „Wir werden glücklich sein (ein Liebesbrief)“

Troubadour auf Speed

Martin Peichl antwortete in seinen Texten mehrmals mit einem Metaphernfeuerwerk.  Er  charakterisierte mit einer Vielzahl an Vergleichen einen Ich-Erzähler, der zwischen der Pose des „jungen Wilden“ und des „Frauenverstehers“ hin- und herpendelte. Sätze wie: „Ich trinke mit den Klischees in meinem Kopf um die Wette“ und „Uns sind die Steigerungsformen ausgegangen“  wechseln sich ab, stehen nebeneinander, widersprechen und vereinen sich. Neben der Entwicklung von Metaphernsträngen oder conceits – wie man es im Englischen nennt – ist Peichl ein Verarbeiter von Zitaten.  Seine Texte haben daher durchaus etwas Postmodernen. Besonders deutlich wurde es am Beispiel des bekanntesten Zitats aus Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus. Sie wissen schon der Satz vom Schweigen und Reden, der so gerne benutzt wird, wenn man in einem Anfall von eristischer Dialektik bei seinem Gegenüber zum verbalen Knockout ansetzen will. Peichl nutzte das Zitat jedoch nicht als Knockout, sondern als Eröffnung für ein neues Kapitel in seiner Zwiesprache mit „Marie“.

Die beiden Autoren zeigten, dass auch in Zeiten der 1 und 0 die ausschweifende Anbetung einer Geliebten durchaus  angebracht sein kann.  Sie  verarbeiteten (noch) nicht stattgefundene Liebesbeziehungen.  Vor allem Peichl präsentierte sich in seinen Texten als  Troubadour auf Speed, während Leitner das Ansingen einer (schönen?) Unbekannten gemächlicher anging. Das Programm aus Anbahnung, Nähe, Ekstase, Ernüchterung und Katzenjammer wurde sehr genau  dargestellt.  Das Spiel aus Nähe und Distanz wurde virtuos von beiden vorgetragen – bisweilen auch die Distanz zum eigenen (lyrischen) Ich. Peichl brachte es auf den Punkt: „Ich brauche Dich wie Wasser in meiner Lunge“.

Sprache: Muse und Geliebte

Die große Geliebte, die mit Texten besungen wurde, war sowohl bei Peichl als auch bei Leitner die Sprache selbst, jene große Geliebte und Muse von Schriftstellern, die sich selbst von einem Possessivpronomen nur schwer einfangen lässt; auch dann nicht, wenn das Possessivpronomen zu einem „Obsessivpronomen“ wird. Peichl und Leitner ging es vordergründig um Liebe und Beziehungen. Im Hintergrund frönten sie hemmungslos der Möglichkeit des Sprachspiels, des Fabulierens, der Verführung mit Sprache…

Veröffentlicht in Veranstaltungen

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