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Urlaubshaikus, Badeschluss und ein Prozess

Christian Schwetz und Neil Y. Tresher bestritten die erste Augustlesung im „Summa in da Stadt“-Festival

Der Abend begann unerwartet. Der Eingangsbereich des read!!ing room war mit alten Computerzeitschriften, ungeöffneten KFZ- Fachmagazinen, Deutsch als Fremdsprache- Lehrbüchern sowie einigen Kinderbüchern zugeschüttet. Dazwischen noch der eine oder andere Notizzettel, ein Fitnessbuch für Männer und einen Queer-Stadtführer für Wien. Die Highlights des unerwarteten Papierschatzes waren dann zwei alte Dorotheum-Auktionskataloge, die zwar schön gemacht, aber dennoch ein Gebrauchsartikel mit Ablaufdatum darstellen. Ganz besonders erfreut waren wir über einen abgelaufenen Prospekt einer deutschen Discounterkette, die mit „L“ beginnt. Sie können sich vorstellen, dass ein großer Teil besagten Papierschatzes in der geeigneten grünen Ablage mit dem roten Deckel landete.

Das Gute an unserem Neuzugang: die Gäste, die etwas früher eintrudelten, um die Kühle des read!!ing room zu genießen (immerhin 23 Grad Celsius) hatten gleich einen unverbindlichen Gesprächsstoff, was ja auch schön ist.

Christian Schwetz gab einen schönen Einblick in sein Schaffen

Christian Schwetz, der als Stammgast und Stammautor des read!!ing room das Privileg hatte, die technischen Informationen vorab direkt selbst an das Publikum weiterzuleiten, begann den Leseabend. Im Vorfeld wurden ja teilweise Wetten abgeschlossen, ob Christian Schwetz seine Lesung mit „Am Anfang war das A“ beginnen würde… doch es kommt ja meistens anders als man denkt. Er verzichtete diesmal auf den Text. Ähnlich wie Silvia Waltl, in ihrer Lesung eine Woche zuvor, begann Christian Schwetz mit Zugreisen. Er ließ seine legendäre Figur Diddl – bürgerlich Dietmar – auf Sommerfrische zu seiner Großmutter in die Provinz fahren, was im Diddl-Sprech mit „dem Zugi-Zug zur Oiden auf Sommerfrischi-Frische ins voll öde Mostviertel fahren“ umschrieben wird. Mit so einem Text lässt dich eine Lesung vortrefflich beginnen und die ersten entspannenden Lacher konnten generiert werden. Christian Schwetz blieb dem Thema Zugfahren und Reisen treu. Seine kurzen Gedichte und Prosatexte gaben einen guten Einblick in die Stilbreite des Autors. Wortspiele, Dialekt, Songtextartiges (die Zusammenarbeit zwischen der Band Novi Sad und Christian Schwetz ist bestens dokumentiert) wechselten sich ab – zusammengehalten durch das innere Thema des Sommers und der Reise. „Am Sand“ – aus meiner Sicht ein wunderbarer Titel für eine Prosa, die eine Reise zum Meer mit einer Flucht vor sich selbst verbindet – oder „Die Karawane“, die direkt an die große Tradition der Märchen und Sagen anknüpfte, waren die Highlights des Abends. Dazwischen gestreut wurden noch ein paar „Urlaubshaikus“. Christian Schwetz beschloss seine Lesung mit einem „September“-Text (heuer scheinen Septembertexte en vogue zu sein) und mit „Badeschluss“ – ein Kurzkrimi, den ich mir in der Sonntagsbeilage der Presse wünschen würde.

Neil Y. Tresher präsentierte „Ertrunken“

Der Kurzkrimi von Schwetz bildete eine Steilvorlage für Neil Y. Treshers Text „Ertrunken“. Die Prosa behandelt den Tod durch Ertrinken eines 12jährigen Mädchens und den anschließenden Prozess gegen die Betreuerinnen, die wegen unterlassener Hilfeleistung respektive Verletzung der Aufsichtspflicht angeklagt wurden. Die Prosa basiert einzig und allein auf Zeugenaussagen der diversen Augenzeug/innen und der Angeklagten. Tresher schloss seine Hochgeschwindigkeitszuglesung mit der Zeugenaussage des 1. Zeugen, um die Spannung zu halten und den Abend nicht allzu ernst ausklingen zu lassen. Um das Publikum nicht mit den Wirrungen eines Prozesses in die Abendhitze zu entsenden, legte der Autor ein Gedicht nach, das die Merkmale eines Sommers auf Basis eines entsprechenden Zeitungsartikels in bester Saure-Gurken-Zeit auflistete.

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