Springe zum Inhalt →

Baden gehen: Oder die trocknen Texte des Armin B.

Der Alois-Vogel-Preisträger überraschte das Publikum und die Veranstalter_innen nicht nur mit Texten, die so gar nichts mit dem Lesungstitel „Baden gehen“ zu tun haben (auch das ist im read!!ing room ausdrücklich erlaubt), sondern präsentierte frühe Gedichte aus den späten 8oer und frühen 90er Jahren. Nicht vom „Baden gehen“ war die Rede, sondern von einer sehr innigen Beziehung zu einer gewissen Gabriele, jener Schreibmaschine, auf der die meisten Gedichte noch fein säuberlich getippt worden waren. Die Texte passten sehr zum Alltagsbezug des read!!ing room und nur einige wenige Stichworte ließen darauf schließen, dass die Gedichte bereits Geschichte atmeten.

Armin Baumgartner bereitete dem Publikum mit seiner Lesung ein wahres Geschenk, da er Texte aus verschiedenen Schaffenszeiten las. Es wurde klar, dass die Lust an der Sprache schon sehr früh ausgeprägt war und dass der Autor seine frühen Gedichte schon während des Entstehungsprozesses nicht allzu ernst nahm. Da wurden ganz bewusst die „Samenergüsse“ mit „schönen Grüßen“ verbunden und ein Wellensittich namens Burli, der eine Ausbildung in klassischer Musik genossen hatte, nutzte trotz der Liebe, die sich in seinem Allerweltsnamen ausdrückte, die erste Gelegenheit einer offenen Balkontür um das Weite zu suchen.

Aktuelle unveröffentlichte Texte

Baumgartner schloss den ersten Teil seiner Lesung mit einem: „Ich glaube, da ist nichts mehr rauszuholen“ und wendete sich einem Gedicht neueren Datums mit dem Titel „Überleben – Schreiben“ zu . Der unbestrittene Höhepunkt für alle Zuhörer_innen war jedoch die Erzählung „Als ich das Haus verließ. Für meinen Lebensmenschen“. Nicht nur, dass es sich um einen bis dato unveröffentlichten Text handelte und der Autor somit einen Einblick in die aktuelle Arbeit gewährte. Armin Baumgartner wechselte nicht nur das Genre, sondern auch den Ton. „Als ich das Haus verließ“ ist ein besonders leiser Text, im besten Sinne des Wortes. Im Vordergrund steht das wenig schmeichelhafte Triesterviertel im 10. Wiener Gemeindebezirk. Baumgartner zeigt die Typen und Alltäglichkeiten eines Grätzels in Favoriten und beschreibt schon fast naturalistisch die Eigenschaften einer städtischen Gegend ohne wirkliche Eigenschaften. Dazwischen sprengseln sich immer wieder kleine, zarte Hinweise auf eine Frau, auf einen Lebensmenschen, der unverhofft in das Leben des Ich-Erzählers trat und vermutlich genauso unverhofft wieder verschwand. Die Stärke dieses sehr einfühlsamen Textes liegt in der Gegenüberstellung einer sehr detailliert beschrieben äußeren Umwelt und den Andeutungen auf die innige Beziehung zu einer Frau. Eine sehr starke Prosa.

Baumgartner blieb bei der Prosa und schloss die essayartige Erzählung der „Rattenfänger“ an, die nicht nur Einblicke in das Medium Fernsehen gab, sondern auch die Frage nach der Wahrnehmung der Zusschauer_innen stellte.

Er leitete zu seiner neuesten Prosa über. In der Anthologie „Fritz fragt“, die im Verlag „Das Fröhliche Wohnzimmer“ erscheinen wird, dürfen Autor_innen Fragen zum Schriftstellersein beantworten. Die Fragen, die sehr klassisch, um nicht zu sagen wenig originell anmuteten, waren gerade aus dem Grund eine Steilvorlage um sich mit dem Genre „Interview“ literarisch auseinanderzusetzen. Armin Baumgartner wäre wahrscheinlich nicht Armin Baumgartner, würde er auf Fragen wie: „Warum wurdest du Schriftsteller?“ mit einer platten biographischen Ansage daherkommen. Er überhöhte seine Antwort ins Absurde und zeigte seine parodistische Seite. Die Motivation Schriftsteller zu werden sei natürlich im Wunsch begründet für eine bessere Welt zu arbeiten. Nach Umwegen über die Taizé-Bewegung und die Grüne Alternative Liste, wo der Interviewte jeweils wegen einer gewissen Heiterkeitsabweichung ausgeschlossen wurde, beschloss er „Bücher zu schreiben“. Vor allem folge er dem Ansatz der existenziellen Absurdität. In diesem Text lief Baumgartner zur Hochform auf und schlichtete seine Kaskadensätze zu einem wahren Wortturm auf. Er spielte sich mit den Soziolekten und dem Genre, dass es eine Freude war. So sei der Schriftsteller eine wahre Zweitexistenz und nicht als Beruf zu denken. Daher sei es auch nicht möglich als Schriftsteller auf Urlaub oder in Krankenstand zu gehen. Baumgartner schloss die Lesung erneut mit einem harten Schnitt: „Ui, da ist aus. Mehr habe ich nicht.“

Deutsch-österreichisches zum Schluss

Als Zugabe las er eine Anekdote über das deutsch-österreichischen Verhältnis. Vor allem die sprachlichen Unterschiede sind – nicht nur seit Karl Kraus – ein beliebtes Sujet für Witze und Anekdoten. Baumgartner fügte der Legion an sprachlichen Missverständnissen zwischen Piefke und Ösis noch eines hinzu. So wird in einer normalen Supermarktkassentransaktion die harmlose Frage „Sackerl a“ (also übersetzt: Brauchen Sie auch ein Sackerl?) zu einem neuartigen Gruß, das Menschen jenseits des Weißwürsteläquators als „Sackala“ jauchzen werden.

Veröffentlicht in Veranstaltungen

Kommentaren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.