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Ruhrpottler*innen haben Humor!

Heinrich Böll soll einmal gesagt haben: „Ich entdecke die deutsche Humorlosigkeit in fast allem, was bei uns öffentlich passiert – manchmal sogar in mir selbst!“ Ja, der Heinrich Böll passt eigentlich ganz gut. Er bevölkerte Irland ja bereits, als die grüne Insel noch nicht als touristisch schick galt. Aber was hat das mit den Deutschen und dem Humor zu tun? Ganz einfach: Der Vortragende des Abends, Harald Jüngst, nennt Irland und den Ruhrpott seine Heimat und pendelt zwischen den Welten, um sowohl irische Kultur – in Form von Märchen und Musik – als auch die deutsche Literatur des Ruhrpotts unter das Volk zu bringen. Dabei ist die Frage, ob die Deutschen Humor haben in Jüngsts Augen eher eine rhetorische. Gut, es gibt Ausnahmen. Wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft am Abend der Lesung 3:0 gegen Holland verliert, dann vergeht so manch einem sicherlich das Lachen und bei dem einen oder anderen Österreicher setzt gleichermaßen die Schadenfreude ein. Aber das steht auf einem anderem Blatt…

Handpan und Dialektschulung

Harald Jüngst führte musikalisch in den Abend ein. Auf seiner Handpan spielte er vergnügt den Abend an. Die letzten Töne waren noch nicht verklungen, da setzte Jüngst mit einigen Erklärungen zum Ruhrpott-Dialekt ein und erläuterte typische Redewendungen wie „Butter bei die Fische machen…“ oder „Boah glaubse“. Natürlich durften phonetische Hinweise nicht fehlen. Das „r“ ist meist ein Schwa-Laut und so kann aus einem Duisburg gerne einmal ein „Düsbua:ch“ werden.  Auch einige Eigenheiten des Ruhrpotts wurden vorgestellt – natürlich mit dem Hinweis, dass die Gegend von Duisburg, Gelsenkirchen, Dortmund etc. deutlich mehr zu bieten habe als Schimanski, Zechen, Bier, BVB und Schalke – womit wir wieder beim Fußball wären.

Harald eröffnete mit einer literarischen Liebeserklärung an den Pott und einem schelmisch-liebevollen Blick auf die Eigenheiten seiner Landsmänner und Landsfrauen. Kommunikation sei ja im Pott eine wichtige Sache. Da könnte es schon mal vorkommen, dass eine verhaltene Frage nach dem richtigen Weg und einem bestimmten Ort, ein glattes: „Watt willste denn dort?“ herauf beschwören könne. Genauso sei das Warten bei einer Ampel ein willkommener Redeanlass. Auch das Zelebrieren der Klischees – Sie wissen schon: Bier, Zeche, Schimanski, BVB und Schalke – sei durchaus sinnvoll und erwünscht.

Harald Jüngst Ruhrpoot im read!!ing room

Ein vollkommener Troubador der humorvollen Alltagsbetrachtung

Aber Harald Jüngst wäre nicht ein vollkommener Troubadour der humorvollen Alltagsbetrachtungen, würde er es bei solchen allgemeinen Dingen belassen. In einer bestens abgestimmten Textauswahl wurde Kurzgeschichte um Kurzgeschichte präsentiert. Als da waren: Der liebevoll, grantige Dialog zwischen einem Kaffeeverkäufer und einem Frührentner, die Erlebnisse selbigen Frührentners bei der Paketannahme für das gesamte Viertel, das Sinnieren über eine esoterische Kulturtankstelle samt gewaltfrei gepressten Südfrüchten und naturverbundenem Leitungswasser ebenso wie die frühmorgendlichen Rezeptdialoge in der Nachbarschaft (3.00 Uhr morgens!).

Zur absoluten Hochform lief Harald Jüngst auf, als er ein Plädoyer für das gute alte Wurstbrot hielt.  Im Stile eines Volkstribuns plädierte er dafür, dass früher nicht alles besser, doch einiges gut, ja sogar sehr gut war. Vor allem das Wurstbrot – bestehend aus einer ordentlichen Scheibe Graubrot, einer dicken Schicht Butter und einer Wurst nach Wahl, würde heute viel zu gering geschätzt werden, wo dieses einfache und doch bekömmliche Mahl die kulinarische Welt für ganze Generationen bedeutete…

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Auch im Ruhrpott.

Harald Jüngst war in Lese- und Spiellaune. Er sorgte für literarische Butter bei die Fische und trat den endgültigen Beweis an, dass die Deutschen Humor haben, auch wenn Sie diesen nicht immer zeigen. Aber wie sagte ein weiser Mensch: Humor ist wenn man trotzdem lacht. Ein Klischee? Vielleicht. Aber es lohnt sich, dieses Klischee zu zelebrieren – gerade bei einer 0:3 Niederlage gegen Holland.

Veröffentlicht in read!!ing room Organisatorisch

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