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Prähistorische Weihnachtszeit und ein Kochlöffel im Kopf

Zweite Lesung der „Weihnachten im Advent 2014“-Reihe

Woran erkennt man Weihnachtstexte, die schon etwas prähistorisch sind? Wahrscheinlich an Artefakten wie einem Game Boy. Ein gelungener Einstieg für eine Weihnachtslesung, die komplett ohne Lametta und Rührseligkeit auskam. Michèle Thoma erklärte was ein präweihnachtliches Syndrom ist und warum die Vorfreude auf das angeblich schönste Fest im Jahr zu einem Burn-Out führen kann. Dabei stellte sie wichtige Fragen wie: „Wieso bringt das Christkind dieselben Dinge, die auch immer im Supermarkt zu finden sind?“ Thoma hinterfragte konsumkritisch das ganze Brimborium um Weihnachten herum und gelangte zum Schluss, dass der Mensch zwei Dingen nicht entgehen kann: Dem Tod und Weihnachten.

Lesung von Armin Baumgartner und Michèle Thoma am 12. Dezember 2014. Warten auf die Lesung.
Lesung von Armin Baumgartner und Michèle Thoma am 12. Dezember 2014. Warten auf die Lesung.

In ihrem zweiten Text „Friede den Hütten – Wiener Weihnachtswellness“ setzte sie einen deutlichen Gegenpunkt zur touristisch verklärten Wiener Christlkindromantik. Es war ein Reisebericht, der über die Weihnachtsmärkte und Punschhütten der Innenstand, dem Rathausplatz zu den Würstelständen am Westbahnhof mit ihrem authentischen und ihrem eigenen Flair führte. Würstelstände ohne Zucker-Sissi- Romantik, dafür mit deutlich mehr weihnachtlicher Nächstenliebe.

Michèle Thoma verbindet Reportage mit Feuilleton mit dem Mittel der radikalen Subjektivität und steht mit ihren Kolumnen in einer sehr großartigen Tradition. Max Winter würde sein Wien heute nicht anders beschreiben. Die Zuhörer/innen bedauerten einhellig, dass derartige Kolumnen in Österreich nicht publiziert werden.

Eine andere Form der radikalen Subjektivität und Erinnerungsform präsentierte Armin Baumgartner mit „Mein kupfernes Fernrohr“. Der Text wurde 2014 mit dem Alois-Vogel-Literaturpreis ausgezeichnet. In 28 Kapiteln verdichtet Baumgartner Erinnerungen aus der Kindheit, Träume und Sehnsüchte zu einer Entwicklungsgeschichte der anderen Art. Der Ton ist durchaus kindlich und klare stringente Beschreibungen aus dem Alltag eines Kindes mischen sich mit absurden Bildern. Armin Baumgartner arbeitet oft in seinen Texten mit einem immer wiederkehrenden Topos – einem Leitmotiv – das in „Mein kupfernes Fernrohr“ ein Kochlöffel ist, der aus dem Kopf des Ich-Erzählers ragt. In jedem Kapitel wird ein Ereignis, eine Begebenheit oder ein Traum erzählt. Furios ist der Wechsel zwischen Metaebene und Erzählung. Es entsteht eine eigene Welt, die die Zuhörer/innen teilweise in die eigene Kindheit mitnimmt.

Armin Baumgartner und Michèle Thoma präsentierten unterschiedliche Formen der Erinnerung. Beiden Autor/innen brillierten durch ihre unbändige Lust am Formulieren. Absurd-komisch, hin und wieder bissig und doch immer wieder versöhnlich: die „Conférence“ von Michèle Thoma und Armin Baumgartner war eine wunderbare Lesung und ein weiteres Highlight der Weihnachten im Advent Reihe.

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