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Frau Weichtopf und Herr Stachel

Harald Jüngst präsentierte „Erotische Märchen around the World“

read!!ing room – 06. November 2014: Harald Jüngst eröffnete den Abend mit der Schilderung eines Traums. Hänsel und Gretel, Dornröschen und irische Gnome mit ihren vergnüglichen Spielen waren die Inspiration für eine erotische Weltreise. Jüngst nahm die Zuhörerinnen und Zuhörer zunächst mit nach Frankreich und fing buchstäblich bei Adam und Eva an. Das Publikum lernte, dass ausgerechnet eine Biene an der Vertreibung aus dem göttlichen, jedoch wenig lustvollen Garten Eden schuld gewesen sei. Die zweite Station des Abends war in Belgien. Im Zentrum des Märchens stand die vermeintlich prüde Marianne. Jüngst zeigte bei seiner Textauswahl keine Scheu vor Grenzgängen. Von Belgien ging es nach Japan. In seiner jovialen Art berichtete der in Deutschland und Irland lebende Autor und Vortragende wie die Menschen die Kunst der Fortpflanzung lernten. Pferd, Rind und Mensch wollten genau wissen, wie oft es zur Paarung kommen dürfe. Die Geschichte war durchaus subtil, überraschend und hatte etwas von einer Fabel.

Jüngst zeigte durch seine Auswahl, dass erotische Märchen ein allgemeines und sehr altes Kulturgut sind. Auch Völker mit vorwiegend mündlicher Überlieferung, wie die Apachen, kannten und schätzten diese Form der Unterhaltung. Dass Mönche ein wunderbares Sujet für erotische Märchen sind, überraschte wohl kaum. Jüngst suchte für dieses beliebte Sujet einen sehr humorvollen Text aus und umging so die Gefahr des Klischees. Ein männlicher Mönch, der glaubt einen Hasen geboren zu haben, rief die lautesten Lacher des Abends hervor.

Zwischen den einzelnen Märchen kommentierte Jüngst hin und wieder. Er wies zurecht darauf hin, dass erotische Geschichten und Märchen nicht nur der puren Lust und Unterhaltung dienten. Jüngst bewies, dass derartige Texte eine besonders subversive Kraft haben, besonders wenn sie in einem Regime wie dem Iran oder Saudi-Arabien erzählt werden würden. Ein Märchen aus Saudi-Arabien bewies, dass eine Burka kein Schutz vor frivolem Treiben sei. Man stelle sich eine vertikale Gloryhole-Situation in einem Kräuterbeet vor. Es fiel dem Publikum in der anschließenden Diskussion auf, dass gerade in jenen erotischen Märchen, die aus Ländern stammten, die kaum für ihre offene Geschlechter- und Frauenpolitik bekannt waren, der Weiblichkeit eine überaus aktive und initiative Rolle zugeeicht war.

Die erotische Weltreise endete – wie sollte es anders sein – in Wien. Nicht mit Josefine Mutzenbacher, sondern mit einem Märchenbuch aus dem Jahre 1909, das äußerst freizügige Nacherzählungen der bekanntesten Märchen der Gebrüder Grimm gesammelt hatte. Die Gäste wurden in die Welt von „Daumesdick“ im wahrsten Sinn des Wortes eingeführt.

Die Erkenntnis dieses wahrlich bunten Abends war eindeutig. Es gibt wohl kaum einen Bereich der menschlichen Existenz, der mit so vielen Vergleichen und Metaphern bedacht wird, wie jenen der Erotik, der Sexualität und der Geschlechtsorgane. Erstaunlich sei es, so Harald Jüngst abschließend, dass es gar nicht so einfach sei, einen Ort für eine Lesung erotischer Märchen zu finden, da viele Veranstalter ein derartiges Konzept ablehnen würden.

Harald Jüngst las am 06. November in Wien
Harald Jüngst bei seinem fulminanten Vortrag

Am 21. Februar 2015 wird Harald Jüngst mit der Deluxe-Version der Märchen in den read!!ing room zurückkehren.

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