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Eine schöne Bescherung – wenn Weihnachten einmal so richtig durchgebeutelt wird

Der schein trügt: Simone Stefanie Klein und Karl Neubauer gingen es recht launisch an 😉

Selten wurde eine Lesung im read!!ing room mit Keksen begonnen. Simone Stephanie Klein und Karl Neubauer sind jedoch bekannt für ungewöhnliche Einstiege und Utensilien. Noch bevor eine einzige Zeile gelesen worden war, wurde schon eine Box mit selbstgebackenen Keksen durchgereicht. Um die Interaktivität noch zusätzlich zu steigern, haben die beiden Lesenden den Anwesenden eine kleine Rätselfrage mit auf den Weg:  „Wo steht geschrieben, dass Silvester vor Weihnachten kommt?“

Ein launischer Dialog begann. Das romantische „I Am Dreaming Of A White Christmas“ wurde mit einem raunzigen: „Weiße Weihnachten…das bedeutet Schneeschaufeln“ kommentiert. Die kabarettistische Grinch-Revue der Edition Libica-Leute sollte noch viele Gags in dieser Tonart bereit halten. Karl Neubauer und Simone Stefanie Klein dekonstruierten Weihnachten und zeigten, dass „das schönste Fest im Jahr“ weder ein geschlossenes Denksystem, noch eine vollkommen durchdachte Angelegenheit ist. Fragen wie: „Welche Nationalität hat der Weihnachtsmann?“ brachten die Zuhörer/innen schnell ins Grübeln.

„Szenen einer Ehe“

Da Weihnachten in gewisser Weise ein Familienfest ist, wurde dieser Umstand ebenfalls bearbeitet. Allerdings fühlten sich die Zuschauer/innen ein wenig an „Szenen einer Ehe“ erinnert. Eine kleine Dialogkostrobe? Aber gern. Mann: Was wünschst du Dir zu Weihnachten? Frau: Die Scheidung! Und in dieser Tonart ging es weiter.

Mit solchen Pointen demonstrierten Simone Stefanie Klein und Karl Neubauer, was sie unter dem Fest der Familie verstehen. Die Weihnachtsgeschichte begann dann auch folgerichtig mit den Worten. „Es begab sich zu einer Zeit, als es noch keine Handy gab…“ Josef wurde kurzerhand zum Sepp und die heilige Maria zur Maridl. Natürlich wurden die Geschlechtsrollen auch ein wenig vertauscht. Maridl präsentierte sich in diesem modernen Kosmos natürlich als eine gestandene Frau – oder  die Chefiza, Planerin, Checkerin und Anschafferin, während der gute Tischler-Sepp eher eine ausführende Rolle übernahm. Ein kleines Detail am Rande: die heilige Maria erfand den Weihnachtsbaum.

Die Frohe Botschaft 2.0.

Neubauer und Klein bürsteten das Evangelium in der Folge ordentlich gegen den Strich. Die beiden Autoren stellten sich die Frage, wie das Lukasevangelium heute zu lesen wäre. Statt des traditionellen Rahmens einer Christmette  (das ist jene Late-Night-Veranstaltung, die einmal im Jahr in den Kirchen zelebriert wird, meist samt Glühwein-Happy-Hour powered by Freiwillige Feuerwehr Hinter-Überdonautraubingen) wäre eine Nachrichtensendung das passende Format. Anstelle des Weihnachtssterns würde Facebook die Ankündigung der Geburt Christi übernehmen: Flashmob mit entsprechender überforderter Exekutive, sowie einer  Massenverhaftung inklusive. Dass die „Heiligen Drei Könige“ wahrscheinlich als terroristische Schläferzelle oder Drogenkuriere verhaftet werden würden, passt nur allzu gut in die Frohe Botschaft 2.0 und die aktuellen gesellschaftlichen Befindlichkeiten. Schlussendlich würde nicht Herodes nach dem Jesuskind geifern, sondern das hiesige Jugendamt, ob mangelnder Fürsorge seitens der mehr oder weniger leiblichen Eltern, eingeschaltet werden.

Die Lesung wurde gegliedert in verschiedene Szenen, von denen jede einzelne mehr oder weniger ein Thema behandelte. Die vierte Szene des Abends sollte dann in die komplette Absurdität gesteigert werden. Herr Dr. Spinner referierte über Burn-Out bei Adventskränzen und Persönlichkeitsstörungen bei Weihnachtsmännern, die sich aufgrund des vorweihnachtlichen Stresses eigentlich als Hasen sehen würden. Doch Heilung sei nahe. Das Rezept war und ist einfach: Was nicht funktioniert, wird therapiert.

In Szene 5 nahmen die beiden Vortragenden sich des Themas der betrieblichen Weihnachtsfeier an. Ein Kreis schloss sich, da die erste Veranstaltung des heurigen „Weihnachten im Advent“-Festivals sich ebenfalls dem Thema Weihnachtsfeier näherte. Auch bei Neil Y. Tresher war die Unvereinbarkeit von Weihnachtsfeier und politisch korrekten Ansprüchen bereits eine heikle Angelegenheit. Klein und Neubauer griffen – vollkommen unabhängig von Treshers Vortrag – den Faden auf und sponnen ihn um einige Runden weiter. Sie demonstrierten, wie problematisch es natürlich sein kann, wenn die betriebliche Weihnachtsfeier auf die verschiedenen Bedürfnisse der Belegschaft Rücksicht nehmen muss: Vegetarier/innen, Muslime, anonyme Alkoholiker/innen und Raucher/innen, sowie Esoteriker/innen wollen natürlich ihre speziellen Ansichten und Wünsche befriedigt wissen. Folgerichtig präsentierten Klein/Neubauer einen E-Mailverkehr zwischen den einzelnen Abteilungen, der es in sich hatte. Es wundert daher kaum, dass immer mehr Weihnachtsfeiern zu einer Jahresausklangfeier umfunktioniert werden oder selbige Feiern generell ins neue Jahr als Neujahrsempfang verlegt werden.

Nachdenklicheres zum Abschluss

Allerdings verstanden es Neubauer und Klein auch, ernstere und nachdenklichere Töne anzuschlagen. In Form eines Briefwechsels zwischen Tochter und Mutter wurde die Frage nach der Existenz des Christkinds bearbeitet. Allerdings verzichtete man darauf, die klassischen Erklärungen heran zu ziehen.  Die Frage, die im Raum stand und steht ist natürlich in letzter Instanz eine philosophische. Was glauben wir zu wissen und was wissen wir zu glauben?

Neubauer und Klein schlossen ihren Vortrag mit ideellen Weihnachtswünschen an das Publikum. Eine wunderbare, kabarettistische Lesung mit hohem Interaktivitätsgrad fand nach einer knappen Stunde ein Ende.

Zum Schluss bin ich Ihnen noch die Lösung des kleinen – eingangs erwähnten – Rätsels schuldig: Die Antwort lautet nicht 42, sondern: im Lexikon. Allen, die sich für weitere Rätsel interessieren sei das Buch  „Das Geheimnis der Sphinx“ ans Herz gelegt. Erschienen 2015 in der Edition Libica.

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