Springe zum Inhalt →

Christkindl mit Burnout und andere weihnachtliche Zwischenfälle

Hinterleitner, Gayer, Pointner
Hinterleitner, Gayer, Pointner

Karin Gayer, Doro Pointner und Michaela Hinterleitner bestritten mit „Öfter die Kassen nie klingeln…“ eine Lesung, die in der stillen Zeit des Jahres nicht nur die leisen Töne anschlagen wollte. Der literarische Weihnachtsbaumaufputz war stimmig, obwohl die Autorinnen ganz bewusst auf Einheitlichkeit verzichteten.

Michaela Hinterleitner feierte nebenbei ihren zweiten read!!ing room-Geburtstag. Genau vor einem Jahr las sie zusammen mit Kilic, Widalm und Brooks für „Das fröhliche Wohnzimmer“. Fröhlich und beschwingt waren jedoch nicht alle Texte. Karin Gayer begann mit einer sehr urbanen Weihnachtsgeschichte. Zwei nicht näher definierte Figuren standen im Zentrum und man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Weihnachtsgeschichte von Bethlehem sich auch im Hier und Heute wiederholt: Ausgestoßensein, Rempler, Schubser, Anschnauzen und Heimatlosigkeit um nur ein paar Stichworte zu nennen…

Doro Pointer übernahm nach dem längeren Prosatext von Gayer und präsentierte kurze Gedichte – mehr oder weniger winterlich, mehr oder weniger weihnachtlich in einem klassischen Sinne. Beeindruckend war eine Art Gebet an die Arbeitsgesellschaft, in dem ein Projektmanager zum neuen Heiland avancierte, dem die anderen Mitarbeiter/innen wie die zwölf Apostel – oder waren es doch Lemminge? – folgten.

Tierisches, allzu Tierisches

Michaela Hinterleitner stimmte mit warmen Geschichten und Gedichten ein. Ihr vordergründlig naiver, kindlich anmutender Ton täuscht über die Hintergründigkeit ihrer Texte hinweg. Sie las aus unterschiedlichen Anthologien, wie z.B. „Eine andere Welt ist möglich.“ Der Text „Das Angebot ist ein Vogerl“ schlug eine wunderbare Brücke zu den teils kritischen Beiträgen der beiden anderen Autorinnen. Mit „Massenbewegung – oder die Leichtigkeit eines Flohs“ bearbeitete Hinterleitner die Eventisierung der Gesellschaft. Das Individuum, das nur mehr in einer Menschenmasse aufgehen kann um gleichzeitig in ihr unterzugehen oder unterzutauchen ist sicherlich eine der herausfordernden Fragen der Zeit. Im Laufe des Abends sollte die Autorin einen ganzen Zoo an Kleinsttieren präsentieren: Floh, Falter etc., die natürlich in der Tradition eines Jean de la Fontaine, Metaphern für die menschlichen Zusammenhänge sind.

Den zweiten Block des Abends eröffnete Karin Gayer mit einer Reihe an Gedichten: So durfte das Publikum den neuesten, unveröffentlichten Gedichten lauschen. „Die Welt von Gestern“ oder „Der Flug der Fische“ sind sehr feine Gedichte und wir dürfen schon gespannt sein, wann der nächste Gedichtband erscheint. Sie las zum Schluss noch zwei Gedichte aus ihrem aktuellen Band „Innenaussichten“, der bereits im read!!ing room vorgestellt wurde. Michaela Hinterleitner übernahm den zweiten Teil. Sie verließ den Metaphernzoo und wandte sich Körperlichkeiten zu, etwa Paradiesen, die zwischen Daumen und Zeigefinger versteckt sind. Sie schloss die Lesung mit einer Vorausschau auf das neue Jahr. Ich sage nur „Hüpf, hüpf, hüpf“.

Doro Pointner setzte mit ihren 17-Silbengedichten (=verwestlichte Haikus) einen wunderbaren, teils satirischen Schlusspunkt. Vorher verlas sie noch einen vorweihnachtlichen „Ich-will-keine-Nähe-aber-wir-können-ja-noch-Freunde-bleiben“-Brief an einen fiktiven Bernd. Dass das Christkind auf derartige Briefe Sodbrennen und aufgrund der vielen Arbeit ein Burnout riskiert ist natürlich fast unvermeidlich. Aber Gott sei Dank schickt Frau Pointner das Christkind im Jänner auf Reha …


Kurzbios der Autor/innen:

KARIN GAYER, geb. 1969, schreibt seit ihrer Schulzeit. Studium der Psychologie, lebt und arbeitet in Wien. Publikationen in Literaturzeitschriften, in Anthologien und im Rundfunk. Buchveröffentlichungen im Arovell Verlag und in der Edition Art Science. Mitglied der IG Autorinnen Autoren und des Österreichischen Schriftsteller/innenverbandes. http://karin-gayer.blogspot.co.at/

DORO POINTNER, geb. 1969, lebt seit 2000 in Wien. Studium der Sprachwissenschaft und Philosophie, Publikation von Lyrik und Kurzprosa in Anthologien (Arovell Verlag), Zeitschriften und im Rundfunk. Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

MICHAELA HINTERLEITNER, geb. 1979 in Wien. Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Autorin, Performerin und Figurenspielerin. Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.“ Publikation von Lyrik und Prosa in Anthologien und Zeitschriften. Einzelpublikation: “Die Common Sense”; mit Bildern von Ilse Kilic & Fritz Widhalm; wohnzimmers buntes lyrikheft nr.8; Edition das fröhliche wohnzimmer; Wien 2015.“ Webauftritt: https://michaelahinterleitner.wordpress.com

Veröffentlicht in Veranstaltungen

Kommentaren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.