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Wer fliehen will, der sollte schwimmen lernen…

“Mitten in der Nacht

ist er fröstelnd aufgewacht

er deckt sich zitternd zu

es ist so kalt, so kalt

und er findet keine Ruh”…

Christian Schwetz

Diese ersten Zeilen waren nicht nur als captatio benevolentiae für das Publikum gedacht, sondern entpuppten sich – rhetorisch gesprochen – als “falscher Hase” oder “roter Hering”. Was zunächst als leicht klassizistische Epigonie daherkam, entpuppte sich schnell als Ode an einen Fiebermesser. Damit war die Marschroute für die Lesung, die unter dem Titel “Spaziergänger und andere Tiere” stattfand, gelegt. Es sollte eine Art Best off aus beiden literarischen Welten werden…

Spaziergänger zwischen den Welten

Doris Fleischmann las Kurzgeschichten. Sie legt(e) unter dem Titel “Spaziergänger zwischen den Welten” einen Kurzgeschichtenband im Pilum-Verlag vor. Er versammelt Kurzgeschichten, die im Laufe der letzten 10 Jahre entstanden und (teilweise) veröffentlicht wurden. Während der Lesung nahm Doris Fleischmann Klassentreffen, Künstler*innen und selbstgeschriebene Wikipedia-Artikel ins Visier.

Ihr Blick auf die gut bürgerliche Familie und/oder die selbsternannten Bildungsschichten ist dabei schonungslos. Der Grundton darf durchaus als wohlwollend-(selbst)ironisch bis beißend sarkastisch bezeichnet werden. Dass “Klassentreffen die Pest sind” kann leicht nachvollzogen werden, dass der Herr Doktor seinen Urlaub bis auf die letzte Minute verplant, weil er ja im Alltag sonst nicht dazu kommt, Zeit mit der Familie zu verbringen, scheint etwas befremdlicher… und dennoch: Doris Fleischmanns Blick auf das Bildungsbürgertum ist unbestechlich, scharf und mit der notwendigen Prise Ironie oder Sarkasmus versehen. Je nach Erfordernis und Gemengelage.

Wunderschönes Tier

Christian Schwetz veröffentlichte 2021 ein “Wunderschönes Tier” in der Edition Libica. Der Titel ist Programm. Man muss sich das Buch ein wenig wie eine Manege vorstellen, in der unterschiedlichste Nummern vorgeführt werden. Im Zentrum steht dabei der Wortakrobat Schwetz. Er jongliert, singt, spielt und lacht. Mal zieht er ein Wortspiel aus einem übergroßen Hut, mal gibt er den starken August, mal kommen mit dem Clown (fast) die Tränen.

Bei aller Liebe zum Wortspiel und zur Gedankenakrobatik sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Christian Schwetz sehr große Freude an der Dekonstruktion hat. In diesem Punkt treffen sich die beiden Autor*innen. Während Fleischmann wie eine Chirurgin mit Ironie und Biss die Werte und Funktion der Bildungsschicht seziert, legt Christian Schwetz mit den Mitteln des Wortspiels, der verbalen Überfrachtung, der Themensetzung des Jazz grundsätzliche Themen frei: Wahrheit, Gott, Zwang, politische Positonierung und die Sicht auf das eigene ich. Es menschelt tierisch im Universum des Christian Schwetz – und Gewissheiten werden gewissenlos hinterfragt.

Die Lesung von Doris Fleischmann und Christian Schwetz war von beiden Autor*innen sehr fein abgestimmt. Fleischmann und Schwetz bauten Brücken zwischen den völlig unterschiedlichen Schreibweisen.

Schöner Schluss

Christian Schwetz brachte eine neue Version seiner Kunstfigur “Zitronski” und Doris Fleischmann las aus ihren Mikrodramen, die sie vor gut zwei Jahren im read!!ing room zum Besten gab. Während Zitronski über diverse Alkoholika sinnierte, wandten sich bei Fleischmann zwei älteren Damen Cremeschnitten und Punschkrapferln zu – nicht ohne die entsprechenden Komentare und Gedanken zum Besten zu geben. In diesem Sinne Prost, Mahlzeit.


Links

  • Doris Fleischmann: Spaziergänger zwischen den Welt. Verlagslink
  • Christian Schwetz: Wunderschönes Tier. Verlagslink.

Veröffentlicht in Veranstaltungen

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