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Tausend schwarze Äugelchen und der Sisysphusfaktor…

Selbstbildnis mit Kaktus - von Constantin Schwab
Selbstbildnis mit Kaktus – von Constantin Schwab

[sg_popup id=“3″ event=“hover“][/sg_popup]Constantin Schwab präsentierte zwei Texte in der Reihe „Impulslesung“

Punkt 19.30 begann der junge Autor, der auch Mitgleid der Schriftstellervereinigung JungWien2014 ist, mit einer eindrucksvollen Lesung. Unter dem Programmtitel „Die Kunst des Scheiterns“ präsentierte Schwab zwei sehr klassisch aufgebaute Kurzgeschichten, die man mit dem Bonmot „Die Kunst des Scheiterns –  und das Scheitern in der Kunst“ zusammen fassen kann.

Der erste Text behandelte eine Ausstellung, deren Höhepunkt eine interaktive Maschine, eine Art soziale Skulptur mit dem Namen „Sisyphus Faktor“ war. Der Ich-Erzähler bediente die Skulptur/Installation/Maschine und sollte es doch tatsächlich schaffen, den Stein des Sisyphus in der virtuellen Berglandschaft auf die Spitze des Berges zu rollen. Anstelle von Glücksgefühlen, Glückwünschen und Schulterklopfern stellten sich Depressionen und soziale Meidung ein – Schwab präsentierte in diesem Text einen Ich-Erzähler, der gegen die Erwartungen der Menschen verstieß, indem er eine Leistung vollbrachte, die eigentlich nicht vorgesehen war. Schwab trug eine Erzählung über Außenseitertum, Kunst und die Mechanismen der sogenannten Leistungsgesellschaft vor; ein schöner Spiegel einer Gesellschaft, die Leistung als goldenes Kalb vor sich herträgt, jedoch Verstöße gegen ungeschriebene Gesetze hemmungslos sanktioniert.

Sisyphus ist in diesem Kontext eine mehr als spannende Wahl. Auch auf seinem Weblog outet Schwab sich als Bewunderer von Albert Camus und dessen wohl wichtigster Figur: „Das Allerschönste an der Aufgabe ist, dass er seinen Stein auf den Berg rollen darf. Es ist nicht irgendein Stein, den Sisyphos tagein, tagaus zum Gipfel bringt. Es ist immer derselbe Stein. Sisyphos wurde dieser eine Stein zuteil, der nur ihm gehört, der sein wahrer, inniger und ewiger Lebensgefährte ist, der nur von ihm berührt, gewendet, gehegt, beschimpft, gehasst und geliebt wird. Er kennt alle Stellen an diesem Stein, kennt seine guten und schlechten Seiten, seine Unebenheiten, Flecken und Moose, jedes noch so winzige, besondere Kennzeichen. Würde ihm der Stein abhanden kommen, er könnte ein perfektes Vermisstenprofil erstellen. Bei jeder TV-Show könnte er den Stein blind ertasten und unter tausenden wiederfinden. Er könnte sogar beschreiben, wie der Stein riecht.“ (Constantin Schwab: Bried an Camus. http://whoisconstantin.blogspot.co.at/)

Der zweite Text des Abends stellte die russische Avantgarde ins Zentrum des Geschehens. Schwab blieb dem selbst gesteckten Rahmen treu. „Kleine Schwarze Äugelchen“ tauchte nicht nur ein in die bildnerische Kunst, sondern auch in die Welt der Außenseiter und Exzentriker. Kunstvoll mischte der Autor Kunsthistorie mit Erfundenem, etwa indem er dem großen Kasimir Malewitsch, dem Schöpfer des „Schwarzen Quadrats“ einen anderen Maler zur Seite stellte, der sich als eine Art Gegenspieler präsentieren sollte: Anatolij Novofeev war nicht nur ein Schüler von Malewitsch, sondern versuchte seinen Meister noch zu übertrumpfen. Hier nun der erste Teil von „Kleine schwarze Äugelchen“ als exklusiver Auszug.

Kleine schwarze Äugelchen

Als die Werke der russischen Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre kurze, wilde Ehe feierten, da tauschten Gattungsformen schneller als manch Künstler seine Muse; auf Primitivismus folgte Rayonismus, darauf Kubismus und Futurismus, bald überholt vom Konstruktivismus und schließlich, dessen Extrem, dem Suprematismus. Und als dessen Erfinder Kasimir Malewitsch in Petersburg ein unperfektes, schwarzes Quadrat auf einer weißen Leinwand präsentierte und damit den „absoluten Nullpunkt der Kunst“ erklärte, da stand ein hagerer, kleiner Mann in einer Ecke abseits der Ausstellung und dachte bereits an die nächste Stufe unter Null. Schon seit ihrer ersten Begegnung in Kursk hatte Anatolij Novofeev den guten Malewitsch als ungeschliffenen Meister geschätzt, schon während ihrem gemeinsamen Unterricht in Moskau hatte er dessen Beiträge zur Perspektivmalerei verteidigt; doch hier, an diesem kalten Dezemberabend 1915, in der Ecke stehend und ganz bei sich, da empfand Anatolij mehr als die selbstlose Genugtuung im Erfolg eines Gleichgesinnten, noch in Malewitschs Verkündung der schwerelosen Abkehr von allen bisherigen Sujetlügen, da sah er seine eigene Zeit endlich als gekommen. In nächtelangen, wodkahaltigen Diskussionen hatte er mit Malewitsch fabuliert, gebrüllt und gestritten, wie das absolute Kunstwerk zu erreichen wäre, das eine Werk, das sich von der verlogenen, weil unmöglichen Nachgestaltung der Welt endlich befreite und sich von nichts und niemandem unterjochen ließe. Anatolij klatschte seinem Freund großen Beifall an diesem Abend, und Malewitsch streckte die Arme in seine Richtung und rief einen überschwänglichen Segensspruch auf den kleinen Tolja aus, der ihm in der Kunst mehr beigebracht hätte als sein polnisches Weib in der Liebe. Und sie lachten und tranken und im Stummen wussten beide, dass dieser Abend ihren Scheidepunkt markieren würde.

Malewitsch stieg rasant empor zum neuen Antistar der Avantgarde, von seinen jungen Schülern verehrt, von der stumpfen Kritik zerrissen. Der kleine Tolja hingegen fühlte sich dem selbstzufriedenen Kreis der Suprematisten schon bald nicht mehr zugehörig und zog sich nach und nach zurück in die Rolle des geistigen Solitärs. Es durstete ihn nach Ruhe und Einsamkeit, um im Schatten der neuen, gegenstandslosen Ikonenmaler seine eigene kunstvolle Nische zu finden. Malewitsch hatte es ihm, auch wenn er es nicht aussprach, im Nachhinein doch sehr übel genommen, dass Anatolij dessen Manifest der höchsten Kunst nicht unterzeichnet hatte, und er sollte noch in der Nacht der Ausstellungsfeier einige, vom Alkohol befeuerte Unwahrheiten über seinen geschätzten Kollegen verbreiten. Anatolij störte dies nicht weiter, es galt in der Szene als durchaus üblich, laut gesegnet und leise verleumdet zu werden. Lieber vertiefte er sich vollkommen in seine Idee, die bereits seit Monaten in ihm heranreifte.

Als Anatolij Novofeev im April 1916 sein eigenes Manifest niederschrieb und die Geburt des Brevissimatismus verkündete (entlehnt aus einer Stelle in Ovids Metamorphosen, „via visa brevissima“, die Kunst des kürzesten Weges), da schien die initiative Verwirrung sogar noch größer als bei Präsentation des Schwarzen Quadrates. In Anatolijs titelloser Ausstellung in Petersburg fanden sich keinerlei Leinwände oder Skulpturen, sondern nur zwölf quadratische, handflächengroße Papierstücke, die mit Nadeln befestigt an den Wänden hingen. Ein jedes davon mit satter, kanariengelber Ölfarbe grundiert und auf jedem davon ein lateinischer Begriff in gesetzten, schwarzen Pinselstrichen. Er wählte Latein, weil es, in seinen Augen, die absolute Sprache darstellte, da sie niemandem gehörte. Und das war alles.

Wer wissen will, wie die Erzählung endet, darf sich gerne an Constantin Schwab wenden. Kontakt: c-schwab@gmx.at oder http://whoisconstantin.blogspot.co.at/

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