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Dionysos, James Dean und Jörg Haider in einem Atemzug…

… oder die wundervolle inter- und hypertextuelle Welt des Herrn Kindermann.

Nach einer Lesung im Amerlinghaus im Frühjahr 2016 präsentierten Wolfgang Kindermann und sein Verleger Peter Schaden den Gedichtband „Schon ist es falsch“ im read!!ing room. Kindermann trennt nicht zwischen Lyrik und Drama. Etliche Passagen aus seinen Dramen finden sich in „Schon ist es falsch“. Der Autor hat ein Faible für Bilder und Figuren der griechischen Mythologie. Gekonnt verwebt er klassische Figuren der griechische Mythologie mit Elementen der Populärkultur (Film, Musik, Personen des öffentlichen Lebens).

Im Vorwort zu „Schon ist es falsch“ heißt es: „Der Leser begleitet in diesem Buch Wolfgang Kindermann in antiken historischen Gedichtgleichungen, in Gedankenfragmenten, die in Kombination mit Phantastischem und Surrealem gebracht und zu Neuem verwoben werden, in die Zwischenwelten unseres feinsinnigen, gleichgültigen, grausamen und irritiert verletzten Wesens (aus dem Vorwort von Joachim Haslinger)“. Die Bilder die Kindermann entwirft sind stark und eindringlich. Der Autor spart nicht mit Kontrasten, seine Bilder sind gewaltig und gewaltvoll; der repetitive Stil und der starke Einsatz von charakterisierenden Beiwörtern sind stilistisch probate Mittel.

Dionysos, Dean und Haider: ein Beispiel

Dionysos, James Dean und Jörg Haider in einem Atemzug zu nennen würden einige als „Chuzpe“ bezeichnen. So komisch (im doppelten Sinn des Wortes) der Bezug auch auf den ersten Blick sein mag, so naheliegend ist er auf den zweiten: Phaeton, der Sohn des Helios war nicht in der Lage den Feuerwagen zu bändigen und sowohl James Dean als auch Jörg Haider starben in einem Autounfall. Dass der Wagen in dem Haider starb ein VW-Phaeton war, schließt den Kreis. Dionysos und James Dean – selbst mytische Figuren der antiken und modernen Populärkultur – werden zu Chiffren und Indizien für das „Phänomen“ Jörg Haider – Mehrdeutigkeiten werden dabei bewusst in Kauf genommen.

Auf der anderen Seite zeigt Kindermann, dass Dichtung im wahrsten Sinne des Wortes auch zur Verdichtung von Themen und Stoffen herangezogen werden kann, insbesondere dann, wenn in Gedichten wie „Maria full of Grace“ der gleichnamige Film auf einige wenige Zeilen reduziert wird und die Grundthematik pointiert veranschaulicht wird.

Kindermann erhebt öffentliche Personen und Ereignisse der jüngeren Vergangenheit selbst zu mythischen oder mythologischen Figuren. Stellvertretend sei nur das Gedicht „Für Zidane“ genannt, in dem der Autor den aktuellen Trainer von Real Madrid nicht nur mit Napoleon vergleicht, sondern auch zum tragischen und müden Helden / Feldherrn stilisiert. In seinen dramatischen Arbeiten – den Odysseus-Fragmenten – werden beispielsweise Motive aus Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ mit dem Odysseus-Themenkomplex verwoben. Wenn man weiß, dass „Apocalypse Now“ wiederum auf Joseph Conrads „Herz der Dunkelheit“ fußt…  Die intertextuelle Textur, die so entsteht, bietet Anreize zur Neuinterpretation.

Kindermann arbeitet in vielen seiner Gedichte und Dramen mit dem Prinzip der Hypertextualität. Es handelt sich um eine Verfahren, bei dem neue Texte alte Texte überlagern. Die alten Texte schimmern unter der Oberfläche des neuen Textes durch; der „neue“ Text wäre ohne den darunterliegenden nicht denkbar. Als Paradebeispiel für diese Textarbeit wird James Joyces „Ulysses“ genannt, der ohne Odysseus nicht lesbar wäre. Kindermann arbeitet sehr oft mit derselben Technik. (Er)kennt man die Elemente nicht, bleiben viel Interpreationsspielräume verschlossen. Mit anderen Worten: Der Autor fordert den/die Leser/in dazu auf, auf eine Entdeckungsreise zu gehen – und ähnlich wie Odysseus, der eine zentrale Rolle in Kindermanns Werk einnimmt, die „Irr“fahrt durch die kulturellen Topoi und Archetypen zu unternehmen und viel Neues zu entdecken.


Wolfgang Kindermann: Schon ist es falsch. Lyrik. 108 S., Softcover
Listenpreis: € 12,90. ISBN 978-3-903104-03-7
Edition FZA

 

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