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„Neun Leben“ von Carina Nekolny

Die Lesung startete kurios. Ein Stammgast des read!!ing room fragte, ob die Autorin Carina Nekolny etwas mit der „Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Freiheitlicher“ zu tun habe. Wenn man Carina Nekolny und ihre Texte kennt, dann erscheint dieser Gedanke gerade zu abwegig. Aber es ist ein Zeichen unserer schnelllebigen Zeit, dass Initiativen wie die „AUF“-Frauenzeitschrift, die zwischen 1974 und 2011 erschien und für die Nekolny schrieb, mittlerweile schon (fast) in Vergessenheit geraten sind.

„In Vergessenheit geraten“…

… war auch das Stichwort oder Motto für die Lesung aus Carina Nekolnys neuestem Manuskript mit dem eingängigen Titel „Neun Leben“. Die Grundlage des Textes, der im Stil des inneren Monologs gehalten ist, bilden die Gerichtsakten zu einem spannenden Gerichtsfall im ausgehenden 18. Jahrhundert. Die Akten, die im Landesarchiv in Linz aufliegen, waren das Rohmaterial für die Dissertation der Historikerin Nekolny. Jahre später entschied sie sich aus ihrer Dissertation einen Roman zu gestalten.

Eine junge Frau wurde unterschiedlicher Delikte beschuldigt. Die Deliquentin, die mit unterschiedlichen Namen und Biographien in den Verhören auftrat, saß zwischen 1773 und 1775 im Gefängnis in Weyer. Während der Befragungen wurde die Frau, die angab, Elisabeth Metzlerin oder Rosina Stainerin zu heißen, mit immer neuen Anschuldigungen konfrontiert. Die Insassin passte ihre jeweilige Geschichte den neuen Begebenheiten an. Die Justiz – und dies war durchaus modern – überprüfte die Angaben der jungen Frau jedes Mal. Aus einem zwei Jahre andauernden juristischen Hase-und Igelspiel entstanden schlussendlich neun unterschiedliche Biografien oder „neun Leben“.

Eine Außenseiterin

Nekolny bettet Zitate aus dem Gerichtsakten in den inneren Monolog ein und schafft so das Porträt von Elisabeth Metzlerin alias Rosina Stainerin. Es handelt sich um eine Frau, die Mitteleuropa zu Fuß durchwanderte, vom Betteln, kleinen Diebstählen und anderen Betrügereien lebte. Nekolny beschreibt aber auch die unerfüllte Liebe der freiheitsliebenden Heldin zu unterschiedlichen Gefährten. Besonders der „bayrische Bub“, ein Räuberhauptmann namens Joseph Kundtler, ist in materieller Hinsicht gut zu ihr, behandelt seine Gefährtin bisweilen brutal und lässt sie bei der Geburt des Kindes im Freien allein… das Kind wurde geboren und starb kurz danach…

Starke Frauen

Nach der Geschichte von Poldi Beranek, ist „Neun Leben“ der zweite Text, innerhalb eines Jahres, den Nekolny im read!!ing room vorstellte. Sie traf  mit ihrer Lesung den Nerv des Publikums im positiven Sinn. Die Bearbeitung eines historischen Stoffes, die Positionierung der Heldin als starke Frau ohne Opferallüren, die Wahl des inneren Monologs, die Montage von Originalzitaten – all dies machte nicht nur eine gelungene Text-Präsentation aus, sondern provozierte eine Vielzahl an Fragen und Diskussionen.

Veröffentlicht in Veranstaltungen

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