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Nächte der Philosophie: Gibt es eine universelle Bildsprache?

Das Wirtschaftsmuseum im 5. Wiener Gemeindebezirk geht auf Otto Neurath zurück und ist ein wunderbares Beispiel für die Volksbildung im Roten Wien der 20er Jahre.

Der berühmte Mitbegründer des Wiener Kreises war ab 1924/25 Chef des Österreichischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums, das eben heute in der Vogelsanggasse 36 seinen Sitz hat. Das Museum basiert auf der Darstellung gesellschafts- und wirtschaftsbezogener Vorgänge mittels sogenannter ISOTYPEN. Heute richtet sich das Museum weitgehend an Schulen und möchte vor allem wirtschaftliche Themen vermitteln.

Was sind Isotypen?

Die ISOTYPEN sind ein von Otto Neurath, Marie Neurath und Gerd Arntz entwickeltes Bildsystem, das Infomationen “anschaulich” und universell aufbereiten soll.

Simone Stefanie Klein, ihres Zeichens Vorstandsmitglied der Gesellschaft für angewandte Philosophie, bespielt schon seit einigen Jahren den read!!ing room im Rahmen der “Nächte der Philosophie”, die rund um den Welttag der Philosophie stattfinden. Heuer widmete sich die Verlegerin und Philosophin dem ISOTYPE und der Frage, ob eine universelle, allgemein verständliche Bildsprache möglich sei. Nebenbei führte sie in die Biographie von Otto und Marie Neurath ein…

Otto Neurath entwickelte mit seiner Frau Marie Neurath und dem Grafiker Gerd Arntz in den 20er Jahre eine Bildsprache, die Statistiken einfach, schnell und unkompliziert vermitteln sollte. Aus heutiger Sicht würde man sagen, dass man die Piktogramme nicht nur erfand, sondern auch zur Vermittlung von Statistiken einsetzte.  In der politischen Emigration (NL, UK) wurde aus dem “Wiener System” das sogenannte  Isotype (International System of Typographic Picture Education).

Vom Piktogramm zu Kinderbüchern

Entgegen vieler Darstellungen wurden die ISOTYPEN von allen drei Personen gemeinsam entwickelt. Otto Neurath war für die Statistik zuständig, Marie Neurath sorgte für die Transformation der Zahlen in die Grafik. Gerd Arntz sorgte dann für eine sehr moderne grafische Umsetzung (in Piktogrammen), die möglichst eindeutig und universell sein sollte. Nach dem Tod von Otto Neurath enwickelte Marie Neurath das ISOTYPE weiter und setzte sie verstärkt als wissensvermittelnde Illustration von Kinderbüchern ein.

File:Museum Marienthal - pictogram unemployment.jpg - Wikimedia Commons
Ein sehr bekanntes Beispiel: Gert Arntz Umsetzung eines ISOTYPE für Arbeitslose

Simone Klein zeigte in einem sehr anschaulichen Bildvortrag zunächst die möglichen (Bild)-Einflüsse, die zum ISOTYPE führten. So bewies sie anhand von entsprechenden Grafiken, dass Tortencharts und andere Diagramme keine Erfindung des Computerzeitalters sind. In einigen anschaulichen Beispielen belegte sie auch, wie wichtig das Verhältnis von Text und Bild im Wissenstransfer ist. Wie leicht ein Foto im falschen Kontext eine ganze andere Aussage tätigen kann, wissen wir nicht nur seit den Fake-New.

Klein kam anhand einiger sehr präziser Beispiele zum Schluss, dass das Bild in den meisten Fällen ein mehrdeutiger und sehr kontextabhängiger Informationsträger ist und dass der Anspruch einer universell eindeutigen Bildsprache doch weitgehend ein Anspruch bleibt – zumal der eigene Bias auch bei der Darstellung nicht unerheblich sei.

If You Could See Inside - Marie Neurath (1950)
Quelle:  https://www.flickr.com/photos/smoy/7169626022/
If You Could See Inside – Marie Neurath (1950)

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