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Nacht der Philosophie: 100 Jahre DADA

Zum dritten Mal wurde die „Nacht der Philosophie“ am 25. Mai 2016 im read!!ing room bestritten. Traditionell verantwortlich für diesen Abend sind Simone Stefanie Klein und Karl Neubauer, die sich heuer auf die Suche nach dem „Sinn im Unsinn“ begaben.

1916 ist ein Jahr der vielfältigen Jubiläen. In ihrer Einleitung streiften Neubauer und Klein die diversen Gedenkjahre – von Kaiser Franz-Joseph II bis hin zu Shakespeare um schließlich auch die erste Erscheinung von DADA in Zürich vor 100 Jahren zu beschreiben. Wer die beiden kennt, weiß, dass eine derartige Rückschau nicht ohne Augenzwinkern, Witz und Ironie geht und es den Autor/innen stets ein Anliegen ist, die kanonisierten Philsophen ein wenig auf die Schaufel zu nehmen – und sei es nur, dass Karl Neubauer bei der Erwähnung des Philosophen Leibniz‘ mit einer Schachtel eines Butterkekses um die Ecke kommt. Die Berechtigung von Leibniz in einer DADA-Hommage liegt darin begründet, dass er vor 300 Jahren von uns ging.

Von Shakespeare zur DADA

Mit einer Wortspielerei zu Shakespeares berühmtem Satz „To be or not to be“, die über „To be or to do“  zu Frank Sinatra „Shooobidooo“ und Fred Feuersteins „Yaaabbaaaduu“ führte, wurde das DADA-Fass vollends angestochen. Ganz im Sinne der Erfinder Ball, Huelsenbeck und Co. wurde mit diesem Vierzeiler demonstriert wie nahe Sinn und Unsinn beieinander liegen können und dass gerade das Spiel mit Gleichklang, Homonymen und dem Prinzip Zufall sehr schnell lieb gewonnene Gewissheiten und Merksätze zerstören kann. Klein/Neubauer aktualisierten spielend DADA, betonten jedoch gleichzeitig, dass DADA sich jeder Kategorisierung verweigern würde. Ein derart offener Zugang scheint in einer Zeit, in der alles katalogisiert, bewertet und vermessen werden muss, noch immer revolutionär.

Emmy Hennings

Simone Stefanie Klein ließ es sich nicht nehmen, Emmy Hemmings ihre Reverenz zu erweisen. Die Schauspielerin und Dichterin, die als einer der wenigen Frauen entscheidend bei der Gründung von DADA involviert war, heiratete Hugo Ball und verwaltete nach dessen Tod 1927 nicht nur den Nachlass ihres Mannes, sondern arbeitete als Schriftstellerin. Nur nebenbei bemerkt: Ball und Hennings wendeten sich relativ rasch von DADA ab und beschäftigten sich intensiv mit einem orthodoxen Katholizismus, Mystik und Exorzismus.

DADA beweist: aktuelle Wirtschaftsdiskurse sind DADA

Klein und Neubauer wandten ein weiteres DADA-Prinzip – nämlich jenes der Übertreibung an – und legten die Parameter „Kostenersparnis und Effizienzsteigerung“ auf eine Aufführung von Schuberts „Unvollendeten“ um. Dabei exemplifizierten sie, wie die Prinzipien  Kostensenkung und Effizienzsteigerung, die ja in den meisten Fällen als äußerst sinnvoll gepriesen werden, zu einem rechten Unsinn mutieren können, wenn sie als bloßes Prinzip ohne Sinn und Verstand angewendet werden. In Form eines fiktiven Briefes von Managern an das Konzerthaus wurden einige Vorschläge unterbreitet, wie man Schuberts „Unvollendete“ unter den Geschichtspunkten Kostensenkung und Effizienzsteigerung optimieren könne: Vom Wegfall der Pausen bis zur Streichung von Wiederholungen war alles dabei. Die Suggerierung, dass Schubert seine Sinfonie in h-moll doch eigentlich vollenden hätte können, wenn er die oben genannten Prinzipien berücksichtigt hätte, zeigte die Absurdität gewisser Mechanismen an, die wir im Alltag jedoch oft allzu leicht zu akzeptieren bereit sind.

Das Publikum als Mitspieler/in

DADA wäre nicht DADA ohne „interaktives Moment“. Klein und Neubauer bezogen das Publikum natürlich mit in ihren Vortrag ein, um ein spontanes DADA-Gedicht entstehen zu lassen (siehe unten). Alle Anwesenden sollten – vollkommen unabhängig voneinander – jeweils ein Wort auf ein Kärtchen schreiben, das dann am Ende des Vortrags zu einem Gedicht zusammen gesetzt wurde. Diese Methode wurde von André Breton im Surrealismus „perfektioniert“ und mündete in einer Technik, die auch heute noch als „jeu du cadavre exquis“ bekannt ist und bei Deutschkursen etwa gerne eingesetzt wird um Kongruenz und Kohärenz zu berarbeiten. Selbstredend hatten die beiden Vortragenden diese Methode anhand einer hiesigen Gratiszeitung ausprobiert und das Wortmaterial eines beliebigen Artikels in seiner Einzelbestandteile zerlegt, gerührt und geschüttelt. Das Ergebnis sorgte selbstredend für Lacher.

In einem weiteren Block ging man der Frage nach, wieso die zunehmende Spezialisierung der Expert/innen zu mehr Idiotie/Laientum führen würde. Eine besondere Mengenlehre und die Analyse von klassischen meteorologischen Ansagen mit den Mitteln der Logik (Gegeneinanderstellen von Propositionen) brachte doch interessante Ergebnisse. Klein/Neubauer traten den Beweis an, dass die Ausdrucksweise und Sprache der Meteorologie oftmals nicht weit von klassischen Bauernweisheiten entfernt ist.

Als Höhepunkt des Abends dürfte wohl der Vorschlag gelten, die textlose europäische Hymne mit einem DADA-Text zu versehen. Dabei wurden die einzelnen Landessprachen respektive ihre Bezeichungen in Silben zerlegt und erneut zusammen gebaut. Die unterschiedlichen Ergebnisse – die mit einer Art Poesieautomat à la Enzensberger generiert wurden – waren sinnfrei und ergaben doch eine gewisse Klangmelodie, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Der Vorteil dieser Heransgehensweise: Sie wäre sogar in einem größeren Rahmen praktikabel. Jedwede Diskussionen um fehlende Gleichberechtigung oder Rücksichtnahme auf Volksgruppen etc. wäre a priori nicht notwendig, da der weitgehend sinnbefreite Text kaum die Gefühle einer Minderheit oder einer Gruppierung verletzten könnte.

Tractatus 2.0.

Der Abschluss gehörte natürlich wieder der Philosophie. Klein und Neubauer bauten die These auf, dass Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus in Wirklichkeit ein dadaistisches Werk sei und kreierten kurzerhand den Tractatus 2.0. Dabei befinden sich Klein und Neubauer in guter Gesellschaft. Der Tractatus ist ebenso künstlerisches Vorbild, denn philosophisches Standardwerk. Der Finne M. A. Numminen vertonte den Tractatus so z.B. auf seine spezielle Weise.

Abschließend wurde noch das Publikumsgedicht vorgetragen, das ich Ihnen an dieser Stelle auf keinen Fall vorenthalten möchte:

Keks
bärige Butterkeksblume
der read!!ing room
ad ad ad usum
schnurzel ist lustig
wie schach ist matt
Gurkenscheiben

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