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Eiertanz und Weiberrauschen: Ein flotter Dreier der anderen Art

Werfen Sie Texte einer französischen Adligen aus der Renaissance in einen Topf, gießen, nein, schütten Sie deftige Bauernregeln dazu und würzen Sie das Ganze mit einer Prise moderner Eifersucht. Das ist das Rezept für „Eiertanz und Weiberrauschen“. Was die Schauspieler*innen  David Ketter, Sven Stäcker und Birgit Unger am vergangenenen Freitag (10. Juni 2016) auf den Laminat, der die Welt des read!!ing room bedeutet, an Energie und Spielfreude brachten, sprengte den Rahmen einer behutsamen szenischen Lesung. Selten wurde im Souterrain in der Anzengrubergasse mit einer derartigen Spielfreude gezankt, beleidigt, gebuhlt und gespielt, wie an diesem denkwürdigen Abend.

Sauschwänze und andere Gemächte

Im Zentrum der Aufführung standen einige Texte aus Margarete von Navarras „Heptameron“, mit dem die französische Adlige (1492-1549) das berühmte „Decamerone“ von Boccaccio nachzubauen suchte.  Die Rahmenhandlung wurde von den drei Schausspielern komplett verändert. Um die einzelnen Texte herum, inszenierten  Ketter, Stäcker und Unger eine ménage-à-trois voller Eifersüchteleien und lustvollen Beleidigungen in Form von Bauernregeln und Sprüchen. Es wurde richtig deftig, wenn die „holde Maid“ darüber sinnierte, dass „der Stute ein Hengst lieber sei als zwei Stiere“ oder sie den älteren der beiden Galane wissen ließ, dass „ein krummer Sauschwanz niemals ein aufrechtes Jägerhorn“ werden könne. Diese zweideutigen „bon mots“ warfen die Schauspieler*innen sich und dem anwesenden Publikum um die Ohren. Mit einer guten Portion Stehgreifvermögen und Frechheit, sorgten sie für Tempo in der Darbietung. Kurzerhand wurde das „Ensemble“ um drei Handpuppen aus dem Hause Stäcker erweitert. Zwischen den Geschichten, die oftmals die Schattenseite der Liebe (Eifersucht, Betrug, Machtmissbrauch) thematisierten, duellierten sich die beiden männlichen Kontrahenten nicht nur mit Worten, sondern auch mit Seifenblasen, Wasser und Altpapier („Du bläst, ich spritze“). Ein Schaukampf wurde zwar standesgemäß mit Degen und Gerte gefochten, erinnerte doch absichtlich sehr stark an Bud-Spencer-Filme in Zeitlupe. Zum Gaudium des Publikums…

Einige Eindrücke

„Eiertanz und Weiberrauschen“ bezog natürlich seine Unterhaltung aus dem menschlichsten Thema aller Themen, machte jedoch auch deutlich, dass unsere Vorfahren aus dem Mittelalter und der Renaissance sich in vielerlei Hinsicht kein Blatt vor den Mund nahmen. Die Texte von Margarete von Navarra und ihren Zeitgenoss*innen lassen einige vermeintlich aktuelle Meisterwerke der Erotikliteratur nur einen Schatten ihrer selbst sein – und auch die Zusammenstellung der Texte zeigte, dass es nicht nur um den Austausch von Obszönitäten ging, sondern auch um die Machtspiele, die oft und allzu oft unter dem Deckmäntelchen der „Liebe“ sich versteckten (Zwei Franziskaner und die Braut). Der sprachliche Genuss war deutlich: Es wurden derartig viele Metaphern für die menschlichen Sexualorgane benutzt, dass selbst der eine oder andere kleine textliche Hänger als Teil des Spiels und des Spielens durchgehen musste.  Und was war die Moral der Geschicht: wenn zwei sich streiten, rauscht die dritte gerne davon. Was übrig bleibt sind zwei „Königskinder“ und nicht mehr als ein Eiertanz.

Vom Eiertanz zum Mühlenverkauf

Derzeit bietet der read!!ing room verstärkt Lesungen und Aufführungen mit Texten aus vergangenen Tagen an. Jene, die „Eiertanz und Weiberrauschen“ verpassten, können sich am 09. Juli um 19.30 Uhr eine Adaptation von Boccaccios Decamerone „einverleiben“. Sven Sträcker wird dann mit Valerie Anna Gruber lesen/spielen. Bereits am 02. Juni performte Ben Everding „Wir müssen die Mühle unseres Vaters verkaufen“. Everdings Kabarett baut auf literarischen Vorbildern auf, die dann kurzerhand umgeschrieben und adaptiert wurden. So ließ es sich Ben Everding nicht nehmen „50 Shades of Mühle“ zu performen oder das Alter Ego von Karl Kraus in einem Wiener Vorstadtbeisl in Ottakring dem Volke so richtig auf’s Maul schauen.

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