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Massenhafte französische Literatur … eine Überraschung

3. Februar 2015

Da staunten wir nicht schlecht, als wir frohen Mutes am 03. Februar zu unserem „Bücher.Tausch.Tratsch“ in die Anzengrubergasse aufbrachen. Es war ein kalter, trockner Wintertag mit einigen wenigen Sonnenstunden gewesen und wir freuten uns auf unsere Gäste, anregende Gespräche und neue, getauschte Literatur. Sie ahnen bereits, dass es nicht bei der angerissenen Idylle und Normalität bleiben kann. Sie ahnen, dass an dieser Stelle eine Überleitung zu einem wahrlich unerfreulichen oder unerhörten Moment der Erzählung stattfinden soll. Meist folgt in solchen Fällen etwas ganz Unerwartetes. Ganz unerwartet war jedoch das, was uns an der Stiege unseres read!!ing rooms erwartete, nicht. Frei nach dem Motto: „Jetzt war es schon wieder passiert“, hatte eine fremde Person die ganze Stiege mit Heftchen und Büchern zugekleistert. Der erste Blick verhieß nur wenig Gutes. Wir zerrten die „neue Ware“ also in das Innere des read!!ing rooms. Es handelte sich zum größten Teil um französische Schullektüre von französischen Klassikern wie Alphonse Daudet oder Albert Camus. Des Weiteren gab es einige veraltete Reiseführer aus Frankreich, etliche Prospekte und daneben auch Schulbücher für den Französischunterricht, sowie einiges für den Deutschunterricht. Die Besitzerin hatte teilweise ihre eigenen Schulbücher noch aufgehoben und säuberlich in Papier eingeschlagen. Es dürfte sich um eine spätere Französischlehrerin gehandelt haben, die in der Nachbarschaft gelebt hatte und deren Hinterlassenschaft aus dem Keller – verstaubt und verdreckt – direkt in unsere Stiege transportiert worden war. Aufgrund des Alters einiger Sachen ist der Plusquamperfekt – gelebt hatte – mehr als berechtigt. Unsere Stiege war wieder einmal als besserer Altpapiercontainerersatz fremdbestimmt worden. Wir sortieren mit klebrig, schwarzen Fingern die Sachen heraus und schlichteten so gut es ging. Die kaputten Hefte und Bücher wurden genauso wie die Prospekte in ein Papiersackerl eines hiesigen Lebensmittelsupermarktes entsorgt. Allerdings konnten doch zwei kleine Schätze gehoben werden, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Der erste Schatz ist eine Erstausgabe von Anatole Frances „Les Dieux ont soif“ aus dem Jahr 1912. Das Buch spielt während der Französischen Revolution, genauer gesagt, während der Terreur, als auf dem Place de la Concorde die Guillotine im Schichtbetrieb arbeitete. Ein wahres Fundstück.

Der zweite Schatz ist es eher aus detektivischer Perspektive von Interesse. Ein Kuvert mit einem nicht einmal durchgelesenen Prospekt des Reclam-Verlages aus dem Jahr 1979 verriet uns die Anschrift eines Nachbarhauses. Zusammen mit dem ubiquitär in den Büchern handschriftlich eingetragenen Namen der Besitzerin und dem Fakt, dass die ganzen Hefte lose und nicht in Schachteln in der Stiege aufgefunden wurden, ließe sich die Provenienz des Nachlasses sehr genau bestimmen. Ein Fest für jeden „Waste Watcher“, jede Hobbydetektivin oder jeden angehenden informellen Mitarbeiter der Staatsmacht. Wir waren schon versucht die aussortierten Prospekte und nicht zu rettenden Hefte wieder an die Adresse zurück zu expedieren, von der der Nachlass stammte; allerdings mit dem freundlichen Hinweis, dass jedes Haus eine eigene Altpapiertonne besäße. Aber der Anatole France versöhnte mich und ich übernahm die Arbeit des Entsorgens in die grüne Tonne unseres Vertrauens. Wohlgemerkt jene, die im Eingang unseres Hauses steht.

Auszug aus: Tagebuch eines Buchregals. Ein Buchtauschregal erzählt. Aufgezeichnet von Neil Y. Tresher. Manuskript.

Veröffentlicht in Büchertausch

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