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„Malika“

Deissenberger Malicek read!!ing room 23 November 2018Barbara Deißenberger präsentierte ihren Debütroman „Malika“ im read!!ing room

Obwohl Barbara Deißenberger zum ersten Mal im read!!ing room las, ist sie nicht ganz unschuldig daran, dass es den kulturellen Nahversorger in der Anzengrubergasse überhaupt gibt. Vor gut 20 Jahren waren einige junge und unerschrockene Studierende ausgezogen, um eine Literaturzeitschrift auf den Markt zu bringen. Barbara Deißenberger war – neben March Höld und Marianne Fischer – eine der Mütter einer Zeitschrift mit dem schönen Namen „read!!“. Man schaffte es auf insgesamt stolze 4 Ausgaben bevor sich die Wege des Teams meist aus studientechnischen und beruflichen Gründen trennten. 2002 wurde dann der read!!ing room gegründet – und die zwei Ausrufezeichen verraten, dass dies kein Zufall ist… Aber genug der alten Geschichten.

Barbara Deißenbergers Roman „Malika“: Mehr als eine Dreiecksgeschichte

Auch wenn sich Malika im Wesentlichen um drei Personen dreht, ist der Roman weitaus mehr als eine Dreiecksgeschichte. Die Heldin Malika ist eine Außenseiterin. Dies verdankt sie nicht nur ihren österreichisch-arabischen Wurzeln und ihrem Aussehen, sondern auch einem einschlägigen Ereignis in ihrer Kindheit. Sie wurde missbraucht. Halt findet Malika bei ihrer Freundin Margarethe, die nicht nur äußerlich das genaue Gegenteil des „Negermädchens“ ist. Die beiden Freundinnen verlieren sich nach der Matura aus den Augen und treffen einander Jahre später wieder. Per Zufall. In einem Park. Der dritte im Bunde ist Friedrich, ein  voyeuristisch veranlagter Schriftsteller, der sich zwar sehr für Malika begeistert, jedoch nach und nach mit Margarethe anbandelt…

Auch wenn der Verlagstext von einer Ménàge-à-trois spricht, ist dies nicht der Fall. Frei nach dem Motto: „Bei Dreien ist einer zuviel“, baut Deißenberger meist Zweierkonstellation nach dem Yin-Yang-Prinzip auf. Die „dunkle“ und „schattenhafte „Malika“ trifft auf die „leuchtende“ Margarethe.  In vielen Passagen baut Deißenberger auf komplementäre Kontraste. Hell trifft auf Dunkel. Die Position des Ich-Erzählers (Friedrich)  trifft auf eine generelle auktoriale Erzählposition. Der Roman Malika trifft auf die Texte des voyeuristischen Friedrichs (kursiv gesetzt im Buch).  Deißenberger macht, wie es Daniela Strigl ausdrückt, den Voyeur zum Gegenstand der Beobachtung. Sie geht jedoch noch einen Schritt weiter und lässt etwa die zweite Begegnung zwischen Malika und Friedrich aus unterschiedlichen Perspektiven darstellen. Der Kontrast, der so entsteht ist nicht nur ein nettes Stilmittel, sondern konstitutionell für die Beschaffenheit der Figuren. Kontrast und Dualismus sind in Malika allgegenwärtig.

Eine Passage über Malika und ihren Lebensabschnittspartner Ismael Rosenberg illustriert diese Konstrukte. Die arabischstämmige Malika trifft auf einen Arzt und Musiker, der Ismael Rosenberg heißt (sic!).

„In allem Übrigen waren sie komplementär, wie man das euphemistisch nannte. Yin und Yang. Malika schob die Olive im Mund hin und her (sic!). Auf Dauer hatte das nicht gutgehen können. Wenn einer immer Yang war und die andere bloß Yin  und es einer einmal zuviel wurde. Ismael selbstbewusst, Malika unsicher, Ismael beliebt, Malika menschenscheu. Ismael im Licht, Malika im Schatten. Das war nichts für die Ewigkeit. Nicht für Malika. Sie zerbiss die Olive und holte sich einen Martini. (Malika; 2017; 168)

Metaphernstürme

Barbara Deißenbergers Sprache ist bildgewaltig. Sie zieht ihre Metaphern durch und knüpft komplette Stränge, die stimmig sind. Es ist ihr ein großes Anliegen zu den Figuren passende Bilder zu entwickeln, etwa wenn Margarethe, die ausgebildete Tierarztassistentin, in Bildern aus Flora und Fauna über die Beziehung zu Friedrich spricht. Die Bilder sind reich und ausgeprägt, der Sprachgestus ist jedoch knapp, fast schon lakonisch. Die Metaphern bilden ein Netz. Nichts ist dem Zufall oder einer Laune überlassen. Das beginnt schon mit den ausgewählten Zitaten, die dem Roman vorangestellt sind: ein Zitat aus „Der Liebhaber“ von Marguerite Duras und eines aus „Orlando“ von Virginia Woolf. Letztere kommt als Buch im Roman vor, erstere stand mit ziemlicher Sicherheit Patin für die Prosa. Kurze parataktische Sätze stehen auch bei Deißenberger im Kontrast zu den gewählten Bildern. Auch auf der Stilebene entsteht somit ein interessanter Dualismus, der sich sogar bis in die Lesung zog.

Musik versus Text

Reinhard Malicek rahmte die Veranstaltung mit Eigenkompositionen, die in der Tradition von Danzer, Ambros unc Co. stehen. Der „einfache“ Dialekt war der vollkommene Kontrast und somit die passende Ergänzung zu Barbara Deißenbergers fein ziselierter Sprache. Es war so als würde Reinhard Malicek auf der Gitarre die eben gelesene Passage mit einem Lied  kommentieren.


Barbara Deißenberger und Reinhard Malicek treten am  28. November 2018 bei OrtnerBücher in der Tigergasse 19 in 1080 Wien auf.


Barbara Deißenberger: Malika
Hollitzer Verlag, 2017, 360 S., 13,8 x 21,7 cm, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-99012-426-0 (hbk) € 21,90
ISBN 978-3-99012-427-7 (epub), erhältlich u.a. bei Amazon, Thalia, iTunes (€ 18,99)

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Ein Kommentar

  1. Barbara Deißenberger Barbara Deißenberger

    Lieber Thierry, chapeau! Ich bedanke mich herzlich für diese ausführliche, einfühlende und durch und durch treffsichere wunderbare Rezension bei dir, Herr Germanistik-Kollege und ci-devant Zeitschriftenbegründer!! Es war von der Stimmung her eine der schönsten Lesungen bisher! Große Empfehlung des read!!ing-rooms!

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