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Klopfzeichen im read!!ing room

Armin Baumgartner las im Rahmen von „Summa in da Stadt 2016“

Es geziemt sich, ähnlich wie bei Filmrezensionen, einen Spoileralarm auszurufen, denn natürlich soll an dieser Stelle über den ersten Text, den Armin Baumgartner gestern las, referiert werden. Herr Baumgartner imaginierte in einem bislang unveröffentlichten Text, ein Österreich, das sich nicht nur dazu entschlossen hatte, einen Grenzzaun zu ziehen, sondern sich komplett einzumauern. Die Argumentation, dass man sich vor allem Fremden schützen müsse, hatte etwas von Karl Valentin. Haarspaltereien und hanebüchene Vergleiche wie Apfelbaum mit Olivenbaum, die das Handeln legitimieren sollten, wurden bemüht. Baumgartner führte den Zuhörer/innen vor Ohren, dass die radikale Übertreibung als probates Stilmittel einzusetzen sei, um die derzeitige innerösterreichische Wirklichkeit satirisch zu überhöhen. Folglich wäre die Steigerung von einem real existierenden Grenzzaun eine fiktive, noch zu errichtende Mauer. Vor allem, da eine solche keine Einsichten vermittle.  „Ohne Einsicht kein Interesse“ – lässt Baumgartner seinen Ich-Berichterstatter dem Auditorium vermelden.
Da Übertreibung und Größenwahn eng miteinander verbunden sind, sollte ganz Österreich nicht nur von einem Mäuerchen umschlossen werden, sondern von einer veritablen Mauer, die etwa die Chinesische Mauer, wenn schon nicht in ihrer Länge, dann schon in der Höhe, in den Schatten stellen würde. „Sicherheit und Uneinsichtigkeit haben ihren Preis“, hieß es weiter.  Und schließlich  wehre man sich gegen alles Fremde: Ob Touristen oder Flüchtlinge mache da keinen Unterschied.
Baumgartner dachte den Gedanken des Grenzzauns konsequent zu Ende und illustrierte somit die Unsinnigkeit von allgemeinen Kontrollbestrebungen und reaktionär-reaktiven Abwehrmechanismen. Die alte Frage, ob eine Mauer nun mehr Menschen ausschließen als einschließen würde, brauchte erst gar nicht gestellt zu werden.

Ein Amerikaner auf dem Zeltplatz und der Mann ohne Eigenschaften

Wenn im ersten Text Tourist/innen explizit ausgeschlossen werden sollten, wurden sie im zweiten zumindest argwöhnisch beäugt. Armin Baumgartner verlegte die Handlung auf eine Radtour nach Krumau: Zelten in Krems. Man sollte gar nicht glauben, dass ein Zeltplatz die besten Geschichten für Schriftsteller/innen bereit halten könnte, vor allem wenn der amerikanische Platznachbar aus Los Angelos nicht nur sämtliche Vorurteile in den Wind schlagen, sondern auch beweisen könnte, dass er – im Gegensatz zu den meisten Einheimischen – „Der Mann ohne Eigenschaften“ tatsächlich gelesen hatte.
Passend zum ersten Text des gelungenen Abends las Armin Baumgartner seine Rede an Österreich, „die er nie gehalten habe und nie halten werde“. Mit diesem, in einer entsprechenden Podium-nummer veröffentlichten Text lief er zur Hochform auf. Armin Baumgartner führte eines seiner Lieblingsstilmittel fast schon ad absurdum. Er wiederholte gefühlte 1000mal, dass er eine Rede an die Nation halten würde, die er nie gehalten habe und nie halten werde. Der Text baute – beabsichtigt oder nicht –  eine schöne Brücke zu den Manifesten aus der Feder eines Tristan Tzara vor 100 Jahren in Zürich. Mit einem „Jetzt wird es ein wenig ernster“, leitete Armin Baumgartner den zweiten Teil seiner Lesung ein. Der Autor verließ die Wohlfühl- und Schenkelklopferzone und präsentierte Texte aus verschiedenen  Anthologien – wie etwa aus dem Sammelband  „Einseitige Beschreibung der Wirklichkeit“ (erschienen in „Das Fröhliche Wohnzimmer“, 2016). In einer sehr pointierten Kurzgeschichte zeigte Baumgartner, dass es womöglich besser sei, nach den Ursachen für die Handlungsweise von Menschen zu forschen.

Betretene Still und Almabtreibung

Baumgartner leitete mit dem Gedicht „Vergessen auf Deutsch“ und dem titelgebenden Text „Klopfzeichen aus der Vergangenheit“ den letzten Teil der Lesung ein. Beide Texte be- oder verarbeiteten das Thema Massenvernichtung  und bewiesen, dass der Satiriker Baumgartner auch bereit ist, die ganz ernsten Themen anzugehen – ohne Klamauk und Übertreibung, fast schon reduziert und schlicht, dem Thema ent“sprechend“ … Sorgte die eine oder andere Einlage des Alois-Vogel-preisträgers noch für Erheiterung, so wurde es plötzlich sehr still im read!!ing room. Die Stille – von der Textwahl selbst verursacht – wurde jedoch erneut vom Autor mit einem längeren Auszug aus der „Almabtreibung“, der letzten eigenständigen Publikation, gekonnt gebrochen.

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