Springe zum Inhalt →

Halbjüdin Viertelbuddhistin Achtelchristin: Herbert Weiners Siegertext

Am 14. Februar (Valentinstag und Aschermittwoch fielen zusammen) fand eine neue Auflage des read!!ing room-Preislesens statt. In einer kleinen, aber feinen Runde traten Autor*innen an und lasen um die Wette. Einsatz 5 Euro, 1 Text und 5 Minuten Lesezeit. Knapp, aber doch, gewann Herbert Weiner mit seinem Kurztext, der ohne Titel auskam. Wir drucken mit Erlaubnis des Autors den Siegertext ab. Vorsicht! Es wird skurril. 

Herbert Weiner

„Da saßen wir also in dem Coffyshop in Amsterdam. Anna Chie sah traurig aus… oder wütend oder beides. Bei ihr wusste man das nicht so genau (Anmerkung Herbert E. Weiner:  Weenn Madleser einen verspotten wollen, schmuggeln sie ein Alfred oder E. oder selten sogar ein Neumann in deinen Namen.) Wir waren davor im Anne-Frank-Haus… Anna funkelte mich an.

„Du weißt warum ich Anne Frank nie ganz gelesen hab…“. Wusste ich nicht, aber ich ahnte, dass sie es mir gleich erzählen würde.
„Da wird einem dieses Mädchen gleich auf den ersten Seiten sympathisch, ein Kind mit dem man in den Zoo gehen möchte, es beschützen will und es dennoch nicht kann, dabei das Allerschlimmste weiß man nicht.“ Mir ging es ähnlich. Am schlimmsten war das, was ihr Vater sagte, der einzige Überlebende der Familie: „Warum haben wir uns das angetan, ich wäre damals genau so dran gewesen und du doch auch… Diese bescheidene Regel von wie vielen Urgroßeltern Juden abstammen war von den bescheidenen Nazis.“
Sie sagte nicht wirklich bescheiden.
„Ich meine, was sagt das über mich aus… Halbjüdin, Viertelbuddhistin und Achtelchristin“.
„Nix … außer dass es in deiner Familie ziemlich Wurst war welche Religion der Ehepartner hatte… das war schon eine liberale Haltung, damals im 19 Jahrhundert in Prag und Budapest.“
„Eine normale Haltung. Ich wäre dafür,  dass man die Religionsbezeichnungen überhaupt weglässt…“
„Aber das wäre Anarchie!“, rief ich.
„Anna Chie!“,  besserte sie mich aus. Einige Leute sahen uns an. „Also… warum… waren wir da drin, im Anne Frank-Haus?“

Ich stotterte etwas von Erinnerung … kam aber heute bei Anna Chie nicht recht zu Wort.
„Vielleicht hätte es Anne so gewollt,  ihr Vater und alle, die sie kannten, damit die Nazis als das dastehen was sie waren. Feige hinterhältige Mörder. Und vielleicht damit sowas nie wieder passiert.“
„Sowas wird dem Universum sei Dank nicht mehr passieren.“, sagte ich.
„Na das wollen wir doch hoffen! So patschert wie du bist, müssen wir dir als erstes ein Ticket nach Tel Aviv besorgen.“
„Haifa!“, sagte ich.

Anna, die nie begriffen hat, warum ich Haifa Tel Aviv bevorzugen würde, verdrehte die Augen und murmelte leise: „Na gut wenn du unbedingt willst Haifa.“  Dabei sah sie mich an wie sie sonst ihren kleinen Bruder ansieht.
Ich erschrak: „Anna Chie, das darf nie passieren. Du weißt, ich liebe Israel, aber wir waren im November dort und es war noch …heiß! Sieben Monate über 40 Grad … im Schatten!“
Anna sah mich immer noch wie ihren kleinen Bruder an… „Dann müssen wir was tun… wir alle wir alle.“
„Aber was können wir tun?“
„Schreiben… das können wir doch… Du gehst doch zu diesen Dienstagsdings… Ich schlage dir eine Wette vor. Was glaubst du? Wird es in Österreich besser oder schlechter?“
Ich dachte nach: „Besser, es kann nur besser werden.“
„Na gut“, sagte sie. „Wenn es besser wird oder gleich bleibt, schreibe ich etwas und trage es beim nächsten Wettlesen vor… Wenn es schlechter wird, machst du das.“
Sie lächelte endlich wieder. Und wenn sie lächelt, muss man sie lieben…

„Anna Chie…“, sagte ich. „Ich liebe dich…“
Ich weiß sagte sie … „Lechaim!“ Sie prostete mir mit ihrem Kaffeebecher zu.
Wir wissen alle wer die Wette verloren hat. Vor einer Woche erhielt ich von Anna eine Nachricht… „Du weißt was ein Pessimist ist?“, schrieb sie.
Ich schrieb zurück: „Ein Optimist mit Erfahrung“. Ich wusste, was ich zu tun hatte…
Es ist so schade, dass ihr heute nicht Anna Chie kennenlernt und das in so vielen Hinsichten. Und ich bitte um Entschuldigung, dass ich das Wettlesen für die Einlösung  einer Wette missbraucht habe.“

Veröffentlicht in Veranstaltungen

Ein Kommentar

  1. Herbie Herbie

    Ich freue mich sehr – und ich wundere mich, dass ich das angesichts der anderen, hervorragenden Texte gewonnen hab. Ich hab schon lange den Wunsch mich zu bedanken, vor allem bei Gabi und Thierry, die den Reading Room möglich gemacht haben, bei allen Dienstagsschreibern, bei denen ich echt viel gelernt habe, und Kurt ohne den ich den Reading Room nicht kennen würde. Gewonnen haben in Wirklichkeit wir alle und die Alltagskultur. Alles Liebe und viel Glück! Euer Herbie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.