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„Erwin, geh duschen…“ – Dritter Fußballabend im read!!ing room

Kurt Raubal und Gabriele Rökl liefen zur Höchstform auf.  Die Pässe zwischen den beiden Darsteller/innen waren präzise und die „Wuchteln“ (Achtung Kalauer!) funktionierten. So kann man den zweiten Abend von „Des san a kane Bloßfiaßign“ auf den Punkt bringen. Voller Spiel- und Lesefreude mischten die beiden alle Genres: Kabarett, Filmeinspielungen und Lesung.

Das Thema Fußball war gestern abend ein Spiegelbild der Gesellschaft – und bestimmter Gesellschaftsschichten. Während der erste Fußballabend („Aus Spiel wird Ernst“) dem Wiener Fußball in den zwanziger Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gewidmet war, kam es bei „Des san a kane Bloßfiaßign“ (Teil 1 und 2) zu einer Umarbeitung des Konzeptes. Statt langer Leseteile aus unterschiedlichen zeitgenössischen Dokumenten und wissenschaftlichen Publikationen wurde ein Teil durch Improkabarett ersetzt. Raubal und Rökl hatten zuvor dem Volk besonders aufs „Maul geschaut“ und bearbeiteten in parodistischer Weise sehr beliebte Formate, wie Spiras „Liebesgeschichten und Heiratssachen“. In Form von „Videopräsentationen“ präsentierten sich unterschiedliche Charaktere.

„Frau Sabine“, eine leidenschaftliche Hobbyschiedsrichterin im Kinderfußball, suchte dabei einen Partner, der sie nicht nur im Leben, sondern auch auf dem Spielfeld unterstützte. Bedingung: Ihr Partner müsse nach ihren Regeln spielen. Ein „Herr Erwin“ suchte wiederum eine attraktive Partnerin, die ihn auch noch nach zehn Jahren erotisch und sexuell fordern würde. Natürlich würden beide zusammen finden. Die Geschichte von „Erwin“ und „Sabine“ war der zweite rote Faden des Abends. Die beiden Filmeinspielungen brachen ganz bewusst den ernsten Teil der Lesung und sorgten beim Publikum für Schenkelklopfer. Rökl und Raubal hatten somit das Thema Gender im wahrsten Sinn des Wortes ins Spiel und das ewige Match zwischen Mann und Frau humorvoll auf den Elfmeterpunkt gebracht. Die Anleihen bei beliebten Formaten war natürlich eine Steilvorlage für Lacher und Amüsement. Ich glaube es ist nicht zuviel verraten: Am Schluss zeigte „Sabine“ ihrem „Erwin“ die gelb-rote Karte und schickte ihn unter die Dusche. Ja, auch so können Beziehungen enden.

Gastarbeiterkinder im Nationalteam

Die gelesenen Texte behandelten vornehmlich die Integration der Gastarbeiterkinder in den Wiener Fußball bis hin zu den ersten Spielern mit Migrationshintergrund im österreichischen Nationalteam. Kaum vorzustellen, dass Zoran Barisic, ehemaliger SK Rapid und Tirol-Profi, und Trainer des SK Rapid 1999 als erster Spieler der zweiten Generation im Nationalteam debütierte. Im Lesetext wurden die Mechanismen des Fußballbetriebs aufgezeigt. Aus den Statements ehemaliger Legionäre und ausländischer Spieler (Martínez und Bjerregaard) war klar, dass der österreichische Fußball von den 70er bis in die 90er Jahre kaum berufliche Perspektiven für Kinder der zweiten Generation bot. Besonders Martínez ist ein interessantes Beispiel: Der legendäre Spieler aus Uruguay gehört zu den längstdienenden Legionären der Bundesliga. Sein Sohn spielte später für den SK Rapid und absolvierte zwei Spiele für die Nationalmannschaft. Mittlerweile ist die Dominanz der „österreichischen“ Spieler im Nationalteam gebrochen. Allerdings wurde auch – besonders am Beispiel der Legionäre klar – dass von ihnen zwar mehr Leistung verlangt wurde, doch in letzter Instanz die Leistung am Platz zählte und auch honoriert wurde. Ohne es auszusprechen wurde, das, was Silvia Bovenschen unter „Reduktionstheorie“ versteht, deutlich: Wären Baresic, Canadi und Co. – trotz aller Hindernisse (Canadi nimmt diesbezüglich nicht wirklich ein Blatt vor den Mund) keine exzellenten Fußballer und erfolgreichen Trainer geworden, würde ihre Herkunft wahrscheinlich eine wesentliche Rolle in ihrem Erwerbsleben spielen – und wenn die Herkunft der Spieler und Trainer dann doch thematisiert wird, dann immer als etwas Positives. Sie werden und wurden auf ihre Funktion reduziert. Den logischen Schritt, dass Canadi und Co richtige Role Model für Diversity und Integration werden könnten ist dann doch zu politisch gedacht. Der österreichische Fußball bemüht sich ja redlich nicht politisch zu sein. Aber das nur nebenbei. Sichtwort „nebenbei“. Ein weiterer Verdienst von Rökl und Raubal war es, die Abseitsregel mit einfachsten Utensilien verständlich darzustellen. Vor allem Fußballlaien im Publikum zeigten sich begeistert! Bravo!

Veröffentlicht in read!!ing room Organisatorisch

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