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Ein „Unsagbar“ guter Abend…

Andreas Thürnbeck und Stephan Ander
Andreas Thürnbeck und Stephan Ander

„Unsagbar“ ist zunächst ein paradoxer Titel für eine Band oder eine Leseveranstaltung – und wenn das Ganze dann auch noch im „Sprechzimmer“ des read!!ing room stattfindet, dann ist das Setting für einen wunderbaren Abend gegeben.

Andreas Thürnbeck und Stephan Ander traten als Minimalbesetzung der Band „unsagbar“ mit eigenen Texten und Musik auf.  Thürnbeck präsentierte (teilweise) gebundene Gedichte, lyrisch und stimmungsvoll. Das „Unsagbare“ definierte sich  in der Verbindung zwischen Dichtung und Musik. Alle Facetten des Lebens sollten beleuchtet werden; ein anspruchsvolles Ziel, das sich die beiden Herren in zwei Vortragsblöcken vornahmen. Entsprechend furios legten sie sich in ihre Hosenträger. Andreas Thürnbeck zeichnete zu Beginn ein wenig schmeichelhaftes Bild der Menschheit – „zurecht“ wie man angesichts vieler Ereignisse der jüngeren Vergangenheit leicht zustimmen mag. Die musikalische Replik von Ander war kurz und bündig und erzeugte einen entsprechenden Lacher beim Publikum. Der Kommentar des Musikers: das ist eine Lesung und kein Konzert. Damit waren die Weichen für die Reise gestellt. Die Balance zwischen teilweise ausschweifender Lyrik in die menschlichen Gefühlswelten und trockner musikalischer Replik zeichnete den Abend aus.

Andreas Thürnbeck blieb beim jenen Themen, die den Menschen ausmachen. „Meine ganze Welt umschließt du…“ war ein erster Ausflug in die Romantik – im literarischen und im realen Sinn. Die dunkle und gleichzeitig alles errettende Liebe wurde bereits oft besungen, noch öfter bespielt.  Der Autor nahm bewusst die Haltung des Dichters ein, der seine Liebe besingt. Der Musiker  ergänzte auf der Zither mit „Chasing Cars“ –  einem Klassiker der Populärmusik und Monument der Kuschelrockkultur. Die Balance wurde so – mit einem Augenzwinkern – wieder hergestellt.

Preisgekrönter Text

Gegen Ende des ersten Blocks las der Autor seinen preisgekrönten Text „Wie die alte Flasche Wein die Welt erklärt bekommt“ mit dem er 2013 bei  „Vinum et Litterae“ den dritten Platz erschrieb. Vielleicht war es der stärkste Text des Abends: eine Allegorie über die Zeit, aber auch über die Abhängigkeit zwischen einer „Sie“ und einem „Ihm“.  Sie wurde als ein leeres Gefäß, das die Welt für sich entdecken sollte im Lauf der „zeitlosen Zeit“ vorgestellt; eine nicht näher definierte „Sie“, die in ihrem Durst nach Wissen, elementare Gefühle wie Ungeduld  und Neugier kennenlernte.  Das ebenfalls nicht definierte „Er“ war Gegenspieler und Gefährte zugleich, nur verweigerte er ihr zunehmend die Erfahrungen und die Benennungen, nach denen sie doch so dürstete. Ein Spiel? Mehr als das. Eine wunderbare Allegorie.

Nach der Pause zeigte sich Thürnbeck kriegerisch-expressionistisch. Passend zum Text schrie er in die kleine Welt des read!!ing room hinein: „Es ist Krieg“. Wenn dann auch noch die Zither und der Tod aufeinander treffen, ist das „Wienerlied“ nicht fern. Doch der Wiener Tod hat ja etwas Ungewöhnliches, bisweilen Charmantes, ja Trostvolles und Hoffnungsvolles. Es ging eigentlich gar nicht anders. Eine Anton-Karas-Paraphrase durfte nicht fehlen. Das Publikum quittierte die Einlage mit breitem Applaus. Und so wurde auch unmerklich aus der Lesung mit Musik eine musikalische Lesung. Stephan Ander verließ das Terrain der musikalischen Überleitung und begleitete seinen Autor, stützte ihn und verstärkte die Texte.

Eine Reise in die Literatur

Noch ein abschließendes Wort: Die dargebrachten Texte waren sehr verschieden in Stil und Inhalt, was den unterschiedlichen Schaffensperioden des Autors geschuldet ist. Fest steht, dass Andreas Thürnbeck sein Eingangsversprechen einlöste und das Publikum nicht nur auf eine Reise ins Menschliche, ja allzu Menschliche, sondern auch in die Welt eines Autors mitnahm. Er bediente sich dabei im reichen Fundus der Literatur. Spätestens als  er das Narrenschiff auf seine Weise bearbeitete, wurde klar: Hier ist ein Autor, der aus dem wunderbaren Füllhorn der Literatur schöpft.


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