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Ein Arzt, eine Rede an Hugo und eine blaue Postkarte

Unter dem Titel „words_untitled“ präsentierten Stefanie Gmachl und Robert Stuc junge deutschsprachige Literatur

Der read!!ing room wurde vor fast 14 Jahren gegründet, u.a. mit dem Ziel  jungen Autor/innen eine Plattform für ihre Texte und Werke zu verschaffen. Am 30. Jänner 2016 konnte der kleine Veranstaltungsraum in Wien-Margareten dieses selbstgesteckte Versprechen erneut einlösen. Die beiden Schauspieler/innen Stefanie Gmachl und Robert Stuc präsentierten vor fast ausverkauftem Haus kurze Texte von gleich sechs Autor/innen mit ganz verschiedenen Themen und Zugängen zu einer literarischen, gesellschaftlichen und politischen Standortbestimmung. Für die Koordination der Lesung war die Regisseurin und Autorin Ana Drezga zuständig. Neben Ana Drezga zeichneten auch  Kurt Fleisch, Martina Mirkovic, Olivia Scarr, Nika Schwarz und Scharmien Zandi als Autor/innen.

Drei große Themenbereiche

Das Fazit zuerst: Sechs unterschiedliche Autor/innen aus verschiedenen Bereichen (Theater, Performance, Wissenschaft) setzten im read!!ing room ein literarisches Ausrufezeichen. Bei aller Heterogenität und Diversität, die bei einer solchen Gruppenlesung nur natürlich ist, hatte man doch die Möglichkeit die dargebotenen Texte als eine Einheit zu sehen, die durch drei rote Fäden zusammen gehalten wurde. Ein erster „Strang“ verknüpfte Reflexionen über die Arbeit am Text und über das Verfassen von Texten. „Die Rede an Hugo“ von Olivia Scarr stand pars pro toto für die Suche nach den richtigen Worten, für das Ringen um den Ton und für das „Sich-selbst-eine-Stimme-geben“ in einer reizüberfluteten Welt.

Ein zweiter wichtiger Themenkomplex kann mit dem unschönen Wort „Krankheitswesen“ überschrieben werden. Dieses semantische Feld durchzog mehr oder weniger stark die dargebotenen Erzählungen, Kurzgeschichten und Miniaturen: Ob explizit in Form eines Arztes, der in den vielleicht nicht ganz so freien Tod ging oder in Form von Medikamenten/Drogen, die ein gewisses „Funktionieren“ erlauben sollen oder gar auf der Metaebene als sprachliches Mittel für kritische Vergleiche. Es war daher kein Zufall, dass die Bilder aus dem semantischen Feld „Krankheit“ in einer gewissen Verdichtung vorkamen. (Fast) alle Autor/innen stellten sich und ihre Literatur  in eine langwährende und beliebte Tradition des (literatur)kritischen und politischen Diskurses, der gerne „medizinische“ Sprachbilder übernimmt.

Und damit wäre auch der dritte große rote Faden benannt. Ana Drezga, Olivia Scarr und vor allem Martina Mirkovic bearbeiteten die brennenden politischen Fragen der Zeit (Migration, Rassismus und die Reduktion des Menschen auf „Zählbares“) mit ganz unterschiedlichen sprachlichen und rhetorischen Mitteln und lösten das Versprechen der Einladung zu diesem sehr dichten und spannenden Literaturabend ein.

Stefanie Gmachl, Ana Drezga und Robert Stuc

Literarische Versprechen für die Zukunft

Als Zuschauer/in oder Zuhörer/in hatte man eigentlich zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass „unkontrollierte Worte aus den Körpern“ der Autor/innen respektive Vortragenden heraussprangen. Die Texte waren unterschiedlich gearbeitet, einige mit einer unwahrscheinlichen Präzision ausgestattet. Leise und zarte Töne wechselten sich mit einer harten und direkten Sprache ab. Es wurden literarische Versprechen für die Zukunft abgegeben. Der read!!ing room ist gespannt auf die weitere Entwicklung von „words_untitled“…

Veröffentlicht in read!!ing room Organisatorisch

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