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Die Kometenmitzi, ein Tanz mit dem Messer und eine sexuelle Belästigung in Schönbrunn

Beyerl, Baumgartner, Jaschke, Starl-Latour

Tag 2 des Mikrokosmos-Festivals wurde ungewohnt „wienerisch“

Der Wiener oder die Wienerin ist gänzlich anders. Auch die Literatur feilt an diesem Mythos sowie an der Einzementierung gewisser Eigenschaften, die man den Wienerinnen und Wienern nachsagt. Oisdann: Ein Hang zur Morbidität, eine gewisse Wein- (im doppelten Sinne des Wortes) und Rührseligkeit, die unnachahmliche Neigung zum Konjunktiv in allen Lebenslagen, aber auch eine gewisse Brutalität, die oftmals mit einer rüschenhaft dekorativen und verniedlichenden Sprache dekoriert wird, die allgemein als Wiener Schmäh bekannt ist.

Ein Komet, Paragramme und ein special guest

Beppo Beyerl entführte das Publikum in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Der Halleysche Komet sollte gut sichtbar sein. Zahlreiche Leute versammelten sich am Kahlenberg, so auch die Mitzi und der Karli, ein überaus stolzer k.u.k. Hilfsschreiber. Beide nahmen den mühsamen Weg  über Grinzing, den Cobenzl bis hin zum Kahlenberg auf sich um dem „Weltuntergang“ (so der Titel) beizuwohnen; nicht ohne das eine oder andere Viertel auf dem Weg dorthin zu genießen. In 10 kleinen Stationen nahm das humorvolle Debakel seinen Lauf.

Armin Baumgartner bestritt den zweiten Teil mit einem eigens geschrieben Text, der die Autorenkonstellation des Abends zum Thema hatte. Danach folgte ein Exkurs über die Faszination eines tanzenden Messers. Krönender Abschluss des Leseblocks war ein Text, der bereits 2011 in „Paragramme“ (Edition ch) erschien. Durch kleine Buchstabenaustausche wurde aus einer klassischen Wiener Speisekarte eine Liste voller Gerichte, die auf Wiener Befindlichkeiten verwiesen („Antidebreziner mit Kren).

Bruno Jaschke übernahm den dritten Teil. Er führte in die liebe Familie Wilhelm ein, die wieder einmal bewies, dass die besinnlichste Zeit im Jahr gar nicht so besinnlich sein muss. Vor allem, wenn man einen dauerkläffenden Hund und einen herumkrächzenden Papagei sein stolzes Eigentum nennen darf. Auch eine kleine Reise in die Welt eines Autors im Dialog mit seinen Lesern („Im Arsch daheim“, Arovell) durfte nicht fehlen. Zum Schluss ging es in eine Hietzinger Wohnung. Die Tante eines Kulturredakteurs beschwerte sich darüber, dass ihre 82jährige Freundin Elsbeth in Schönbrunn von einem „nackten Neger“ – wie sie sich ausdrückte – belästigt worden sei und warum ihr Neffe, der Herr Kulturredakteur, nicht darüber schreiben würde. Den Part der Hietzinger Tante übernahm special guest Tamara Starl-Latour, die fröhlich locker ihr bestes Schönbrunnerdeutsch auspackte und sich – gemäß ihrer Rolle – in Rage redete.

Hier schloss sich der Kreis zu Beppo Beyerl in gewisser Weise. Die über weite Strecken fast schon komödiantische und kabarettistische  Lesung hatte am Kahlenberg vor gut hundert Jahren begonnen und nahm im aktuellen Hietzing sein vorläufiges Ende…

Veröffentlicht in Veranstaltungen

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