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Der Wolf in der Au und Rock n’Roll im Alt Wien

„Diesmal geht es um die Wölfe und weniger um die Hunde“, eröffnete Peter Campa, der in seinem letzten Buch auf den „alten Hund“ gekommen war, seine Lesung. Seit einigen Lesungen präsentiert Campa  im read!!ing room Kurzgeschichten rund um seine beiden Hauptfiguren Franz Joseph Heißenbüttel und Friedrich Kudrna.

Diesmal verschlug es Franz Joseph Heißenbüttel mit seinem Hund Farkas  in den Westen Wiens. So ein 5-Euro-Gutschein für einen Heimwerkermarkt kann für einige Menschen in der Tat ein Anlass sein, die Reise quer durch Wien anzutreten. Aber wer Campas Figuren kennt, weiß, dass der Gutschein nur ein guter Vorwand für eine Exploration der Wiener Geschichte ist. Folgerichtig sucht Franz Joseph Heißenbüttel  das Lokal „Wolf in der Au“, das bereits eine Weile geschlossen hat. Seit 1976 um genau zu sein. Dafür findet der Wanderer durch die Wiener Welten die Anschlußgasse, die nichts mit dem geschichtlich einschneidenden Erlebnis aus dem Jahre 1938 zu tun hat…

Friedrich Kudrna und das „Alte Landgut“

Danach führte Peter Campa eine neue Figur in seine Erzählungen ein. Friedrich Kudrna, der zweite Held aus den Erzählungen, bekommt eine merkwürdige Italienkarte, mit einem Absender der in der Nähe des Laaerbergs wohnt. Maria Wessely ist die um 9 Jahre jüngere Schwester von Friedrich Kudrna. Wie das bei Geschwistern hin und wieder der Fall ist, hat man sich nicht wirklich etwas zu sagen… doch wie heißt es so schön: „Blut ist kein Himbeersaft“ oder so ähnlich. Friedrich Kudrna begibt sich in den 10. Hieb, nicht ohne sich ein Bild von Land und Leuten zu machen. Seine Schwester wohnt in der Endlichergasse in Wien-Favoriten in der Nähe des „Alten Landgutes“.

Kudrna und Heißenbüttel kommen ohne Fußball aus

In der Beschreibung des Wiener Verteilerkreises, wie man diese Gegend auch noch nennt, lief Peter Campa zur Hochform auf. Verweise auf die Ziegelgruben, die neue U-Bahnstation und den längst aufgelassenen Michelfeit (Möbelhaus) durften nicht fehlen. Mit keinem Wort erwähnte Campa die Generali Arena und die Wiener Austria, was bei den Rapid Fans im Publikum gut ankam. Allerdings war dieser Umstand wohl mehr auf das allgemeine Desinteresse des Autors für die beliebte Ballsport zurück zu führen. Dieser Verdacht erhärtete die Tatsache, dass auch das Allianz Stadion im Westen Wiens nicht auf Franz Joseph Heißenbüttels Route lag. Im 10. Bezirk ließ Campa seinen Protagonisten Ferdinand von Saars Gedicht „Ziegelschlag“ rezitieren. Ob das Rezitieren eines Saar-Gedichtes generell Gusto auf eine Zigarette macht, können Sie in der Folge selbst ausprobieren. Bei Friedrich Kudrna war es dem Einvernehmen nach auf jeden Fall so…

Der Ziegelschlag*

Weit gedehnte, öde Strecken,
Schmutzig-gelbe Wassertümpel;
Einsam ragt der Schlot des Ofens
Ueber morsche Bretterschuppen.

Fahle Menschen, wie geknetet
Aus dem fahlen Lehm des Bodens,
D’rin sie wühlen, treiben lautlos
Jahr um Jahr hier ödes Handwerk.

Füllen und entleeren Truhen,
Mischen, treten, streichen, schlichten,
So des Backsteins ewig gleiche
Form verdrossen wiederholend.

Träge zieh’n vorbei die Stunden;
Aufgelös’t in Staub und Hitze,
Oder rings in Koth zerfließend,
Scheint die Welt auch hier zu Ende

Aber nicht genug der skurrilen Begebenheiten. Ein Passant kommt auf  Kudrna zu und fragt ihn, ob er dessen Schwester heiraten wolle.  Kudrna verneint ziemlich entspannt. Dies liegt vor allem daran, dass Friedrich Kudrna in gewisser Art phlegmatisch ist und  eher seine Ruhe haben will. Dies trifft nicht nur auf Frauen im Allgemeinen, sondern auch auf die inneren Bezirke im Besonderen zu.  Auf seinem Rückweg von Favoriten nach Transdanubien flieht Friedrich Kudrna in seine Gedankenwelt, die aus einem Gemisch aus persönlichen Erinnerungen und Reflexionen über das Glück besteht. Der Geist des Eigenbrötlers funktioniert überhaupt sehr assoziativ. Werbeplakate können da zu ungemeinen Ausschweifungen führen, wie zum Beispiel, dass es sinnvoller für ihn war, ein guter Bundesbahner zu werden und kein Künstler – oder so ähnlich.

Peter Campa am 05. 10. 2018 im read!!ing room

Ein weiterer bunter Fleck in Campas Panoptikum

Zum Schluss führte Peter Campa in die Besonderheiten des Café Einhorn und des Café Alt-Wien in Form einer Figur namens Heinzi Wieser, der ein weiteres Original in einer bereits bunten Altherrenriege ist, ein. Besagter Heinzi Weber, der Led Zeppelin mag, ist ein wenig aus der Zeit gefallen. Das merkt man nicht nur an seiner Aufmachung, sondern auch an seinem ganzen Benehmen. Heinzi Weber schafft es einen Moment der Stille mit einem lauten und unmotivierten „Rock‘n Roll“ auszufüllen, einer wildfremden Frau einen ganzen Rosenstrauß zu schenken und die Kellner seiner Stammbeisln anschreiben zu lassen.

Hin und wieder soll man sich von fremden Männern in der Nacht ansprechen lassen

Auf seinem Heimweg aus dem „Alt Wien“ wird Heinzi von einer Funkstreife angehalten, die er beflissentlich ignoriert. Es stellt sich als wenig gute Idee heraus, Polizisten zu ignorieren. Besonders die rhetorisch gemeinte Frage: „Haben Sie uns nicht gehört?“ sollte man auf keinen Fall mit „Ich lass mich in der Nacht nicht von fremden Männern ansprechen“ beantworten. Die Nacht könnte dann auf einer unbequemen Pritsche enden.

Peter Campas Geschichten rund um Friedrich Kudrna und Franz Joseph Heißenbüttel entwickeln sich langsam zu einer wahren „menschlichen Komödie“ des Wiener Alltags, bei der Alltagsgeschichten auf Stadtgeschichte trifft. Wir sind auf weitere Episoden gespannt. Wer Friedrich Kudrna und Franz Joseph Heißenbüttel kennen lernen will, dem oder der sei Campas letzter Band „Der alte Hund“, erschienen im Wiener Sisyphus Verlag, ans Herz gelegt.


* Ferdinand von Saar: Gedichte, Heidelberg, (2) 1888, S. 40-41. Zitiert nach: http://www.zeno.org/nid/20005567874
Das Gedicht ist auch zu lesen an der Hauswand des Hauses Ziegelofengasse 10 im 5. Wiener Gemeindebezirk.

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