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Der Blick in die österreichische Seele: Eine halbe Sau und The Next Austrian Charly

Tag zwei des Mikrokosmos-Festivals. Christian Schwetz und Armin Baumgartner gaben sich die Ehre und boten dem Publikum Einblicke in das oft gar nicht so goldene Wiener Herz. Die beiden Autoren, die zum ersten Mal in dieser Konstellation lasen, wurden dem Motto des read!!ing room besonders gerecht: Sie zelebrierten die Absurditäten des Alltags.

Über die Schwierigkeiten eine „ganze halbe Sau“ zu finden…

Armin Baumgartner begann mit einem Dialog zwischen einer Dame und einem Herrn. Ein offensichtlich bürgerliches Ehepaar regte sich über die Architektur eines Nachbarhauses auf. Vor allem die unterschiedlichen Fenster waren ein beherzter Stein des Anstoßes. Die Fenster seien  „furchtbar“.

Allerdings sollte es nicht bei dieser klaren Stellungnahme bleiben. Das Wort „Furchtbar“ war wie ein Kick-Off für einige Running Gags, die dann auch noch nach der Lesung genüsslich in Gesprächen herum kullerten. Baumgartners titelgebender Text „Ich wünsche eine halbe Sau“ war ein längerer Monolog – zweifelsohne eine literarische Spezialität Baumgartners – darüber, dass ein nicht näher bestimmter Freund, sich zum 50. Geburtstag „eine ganze halbe Sau“ wünschte – Selbstmordreflexionen inklusive. Auch Baumgartners Wiener Polaroids (für die jüngeren Leser*innen: das sind quasi analoge Selfies ohne Instagram, die meist zwecks Aufbewahrung in eine Schuhschachtel flogen) sind pointierte Kurzdokumentationen des Wienerischen Lebensgefühls. Ein am Prager Flughafen mit Inbrunst ausgestoßener Satz wie: „Des san ois Trotteln“, darf da natürlich nicht fehlen.

Armin Baumgartner und Christian Schwetz

Herr Karl 2.0.

Christian Schwetz hatte keine Kosten und Mühen gescheut und sich sogar ein eigenes Outfit für sein Casting bei „Austrias Next Charly“ zusammen gestellt. Der zukünftige Charly, der eigentlich Kevin heißt, ist angelehnt an die legendäre Figur des Herrn Karl von Helmut Qualtinger. Schwetz brachte in seinem Monolog, den er mehr oder wenig frei vortrug (Respekt für diese Performance!) die eigenartige Dialektik des aktuellen mehrheitsfähigen Lebensgefühls auf den Punkt: Seinem Protagonisten Kevin ist stellvertretend „für die Menschen in diesem Lande“, wie es im politischen Plattitüdendiskurs heißt, (1) alles wurscht (2) und es geht ihm alles  am Arsch, wobei beide Kategorien sehr unterschiedlich sind und Raum für Interpretation lassen. Denn nicht alles „was einem wurscht“ ist, muss einem auch „am Arsch gehen.“ Dinge und Personen, die „wurscht sind“ können laut Kevin durchaus etwas Positives haben. Mit dieser eigentümlichen Dialektik richtet Kevin, der naturgemäß von einer Yvonne für die Casting-Show angemeldet wurde, beste Grüße an den Chef und an seine Lieben aus.

Christian Schwetz und Armin Baumgartner waren an diesem Abend wortgewaltige und humorvoll. Die teilweise sehr pointierten Texte kamen an und  boten einen tiefen Blick in die Wiener oder österreichische Seele.

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