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Carmencita, der Sommer des Lebens und eine Degustationsempfehlung

Max Haberich und Thomas Aiginger von der Autor/innenvereinigung „Jung Wien 2014“ präsentierten eigene Texte

Es ist in Österreich nicht immer selbstverständlich, sich an den ganz Großen eines Faches oder eines Genres zu orientieren. Daher ist der Name „Jung Wien 2014“ für eine Autor/innenvereinigung nicht nur Programm, sondern auch Anspruch. Max Haberich und Thomas Aiginger traten in Ihrer Lesung teilweise den Beleg dafür an, dass Sie „Jung Wien 2014“ nicht nur als schickes Etikett, sondern als Auftrag verstehen.

Max Haberich, Jahrgang 1984, und Arthur-Schnitzler-Spezialist (was ein weiterer Grund für die Namenswahl der Autorenvereinigung sein kann) las ingesamt drei kurze Texte. Der gemeinsame Nenner seiner Kurzgeschichten bestand aus einer sehr elaborierten Sprache, in der Ausdrücke wie „missbilligen“ und „das wollte noch angehen“ vorkamen, einer Erzählerposition, die den Monolog bevorzugt und – last but not least – einem „bürgerlichen“ Setting, das perfekt zum Erzählton passte. Ob es nun der angehende Jurist im schönen Tübingen ist, der sich in eine „femme fatale“ verliebt oder der junge Mann, der in der Rudolf-von-Alt-Ausstellung in der Wiener Albertina wortlos mit einer unbekannten Schönen flirtet („Wiener Impressionen“) oder der Gourmetgroßkritiker, der das Essen auf einem Transatlantikflug über Gebühr lobpreist (Vorsicht Sarkasmus!), die Kurzgeschichten von Max Haberich lassen – gewollt oder ungewollt –  Vorbilder aus der „Jung Wien“-Bewegung deutlich erkennen. Haberich erweist Ihnen Reverenz. Die detaillierten Beschreibungen der angebeteten Carmencita und das Tänzchen aus Nähe und Distanz zwischen Mann und Frau in der Albertina erinnern an einen Peter Altenberg. Es ist erfrischend aus der Feder eines jungen Autors eine Literatur zu hören/zu lesen, die sprachlich aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, die sich jedoch klar im Hier und Jetzt verortet – interaktive Rotlichtwebsites inklusive.

Feine „Zukunfts“literatur

Thomas Aiginger, Jahrgang 1979, nahm das Publikum mit  seinen zweiten Text  („Spucke blutrot“) aus dem Hier und Jetzt mit in eine wenig berauschende Zukunft. Er entwickelte mit kleinen Hinweisen eine mustergültige Science-Fiction-Geschichte, die neben einer Familientragödie auch den Klimawandel und die damit verbundenen gesellschaftlichen Implikationen in kleinen Dosen verabreichte. Überhaupt baut Aiginger seine Geschichten „schleichend auf“. Hier der Tod des Großvaters und die Trauerarbeit seiner Enkelin, dort eine sommerliche Liebelei samt Dauerparty auf dem Land („Sommer des Lebens“); beides geschickt gewählte Ausgangspunkte, um die Leser/innen oder Zuhörer/innen Schritt für Schritt in die Tiefen allzu menschlicher Tragödien zu führen. Es ist so, als würde man in einem hell erleuchteten, lieblich eingerichteten Foyer beginnen um dann Stufe für Stufe in einen dunklen Keller hinabzusteigen, in dessen Fundament eine Galerie der Lebenslügen eingebettet ist.

Thomas Aiginger und Max Haberich gaben mit ihren sehr unterschiedlichen Texten, Stilen und Themen mehr als ein literarisches Versprechen ab. Sie zeigten, dass junge Literatur sich nicht unbedingt in literarischen Experimenten verstricken muss und dass klassische Erzählweisen auch im Jung Wien des Jahres 2014/2015 noch immer angebracht sind.

Haberich Aiginger
Haberich und Aiginger nach der Lesung
Max Haberich und Thomas Aiginger während der Lesung
Max Haberich und Thomas Aiginger während der Lesung

Veröffentlicht in Veranstaltungen

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