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„Außerdem muss man sich als Pädagoge vor allem um die Opfer kümmern…“

Claudia Carus und Horst Dinges

Claudia Carus und Horst Dinges lasen „Fertig im Kopf“

„Jetzt ist schon wieder was passiert“. Der allzu bekannte Anfangssatz aus den „Brenner“-Romanen von Wolf Haas bildete in gewisser Weise das unausgesprochene Vorwort zu Horst Dinges‘ „Fertig im Kopf“. Das Unaussprechliche greift dann um sich, wenn „schlimme Dinge“ passieren. Im Falle von „Fertig um Kopf“ tötete ein Jugendlicher, namens Torben Bramstedt, eine alleinerziehende Mutter, die bei einer Schlägerei zwischen Jugendlichen, versuchte zu schlichten und dabei getötet/ermordert wurde. Eine Fiktion? Mitnichten. Horst Dinges collagierte und montierte aus unterschiedlichen Gerichtsfällen, die in Deutschland und Österreich abgehandelt worden waren, einen neuen Text, der in extrem dichter und verdichteter Form die allgemeine Ratlosigkeit nach einer Straftat eines Jugendlichen zum Thema hat. Eine Ratlosigkeit, die meist in Worhülsen à la „Wie konnte das nur passieren?“ und „Mein Paul macht so etwas nicht…“ oder „man hätte ja gerne etwas unternommen, aber“ ihre Materialisierung fand und findet.

Original-Aussagen zu einer Fiktion verdichtet

Zu Beginn des Stückes heißt es: „Den Fall Torben Bramstedt, den wir heute spielen werden, hat es so nie gegeben. Aber nichts von dem, was wir hier sagen werden, haben wir uns ausgedacht. Dem von uns erfundenen Fall liegen drei reale Straftaten und Original-Aussagen von Opfern, Tätern und ihrem Umfeld zugrunde.“

Claudia Carus und Horst Dinges lasen die Aussagen der verschiedenen Parteien in verteilten Rollen und ließen die sich immer wieder widersprechenden Einschätzungen, Werte, Haltungen und (Nicht)erklärungsversuche der Befragten aufeinander prallen. Wie bei einem Mosaik reihten sie Aussage an Aussage aneinander, bis sich ein Bild ergab. Der Protagonist und Täter Torben Bramstedt rückte als Hauptfigur dabei immer wieder in den Hintergrund. Denn alle kamen zu Wort: Die Mutter, der Onkel, der Stiefvater, die Nachbar/innen, die Lehrer/innen, die Schulfreunde/feinde und die Exekutive. Sie alle glaubten etwas sagen zu müssen; etwas „bei“-tragen zu müssen und überdeckten dabei das Wesentliche. Die altbekannte These, dass jeder kommunikative Akt auch eine Selbstauskunft ist und bisweilen mehr über die eigene Person verrät, als über jene, die es zu beschreiben gilt, wurde von den Aussagenden übererfüllt. „Fertig im Kopf“ war fast schon ein Dripping an Be- und Zuschreibungen, Ausflüchten, Entschuldigungen und Schuldzuweisungen, die zum Schluss kein eindeutiges Bild ergaben. Erst am Schluss wurde die eigentliche Tat, die im wahrsten Sinne des Wortes ein Ereignis in seiner negativen Form darstellt, in aller Sachlichkeit und Klarheit beschrieben. Somit verhinderte der Autor den peinlichen Moment einer Parteinahme, einer Wertung oder einer Schuldzuweisung.

Ein Galopp an Zeugenaussagen

Ebenso intelligent und gekonnt wie der Schluss war die Darbietung von Claudia Carus und Horst Dinges. Die einzelnen Aussagen wurden ohne störende Regieanweisungen und Erklärungen vorgetragen; jede einzeln passend in ihrem Ton. Alleine mit den Mitteln des Vortrags, der Intonation und mit sehr reduzierten Gesten wurden die unterschiedlichen Personen gezeichnet. Carus gab die verzweifelte Mutter, dann die vollkommen unfähige Lehrerin, dann wieder Torbens Angebetete Mona. Dinges wechselte zwischen der Renitenz des Beschuldigten Torben,  der besserwisserischen Natur des Nachbarns oder den Ausführungen eines ansatzweise kompetenten Lehrers. Der Höhepunkt war sicherlich das Stakkato an Facebook-Nachrichten in der Diktion und im Soziolekt von Teenagern der 2010er Jahre. Die Inszenierung dieses alles andere als leichten Textes war ein Galopp;  eine Tour de Force, die Carus und Dinges bravourös meisterten.

„Fertig im Kopf“ von Horst Dinges, vorgetragen von Horst Dinges und Claudia Carus, war die erste Schauspiel-Lesung in der Reihe „Die Vorleser/innen“.  Die Lesereihe wird in den nächsten Monaten nahtlos fortgesetzt. Schauspieler/innen und Sprecher/innen präsentieren dabei nicht alltägliche Texte.

Die Vortragenden

Claudia Carus ist gebürtige Berlinerin. Sie absolvierte nach einer einjährigen berufsvorbereitenden Musicalausbildung ihr Schauspielstudium an der Bayerischen Theaterakademie August Everding und spielte währenddessen in Produktionen wie „Dogville“ und „Manderlay“ am Metropoltheater München und beim International Arts Festival in Shanghai. Von 2011 – 2015 war sie festes Ensemblemitglied am Salzburger Landestheater. Derzeit lebt Claudia Carus als freie Schauspielerin und Musikerin in Wien.

Horst Dinges studierte Theaterwissenschaft und Kulturmanagement. Er arbeitete als Dramaturg, Schauspieler und Coach an unterschiedlichen Standorten in Deutschland und Österreich.

Veröffentlicht in Veranstaltungen

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