Springe zum Inhalt →

Atterwellen – ein Episodenroman ohne Badefreuen

 

Auf einen reichen Fundus an Tagebüchern zurück greifen zu dürfen, ist eine wunderbare Gelegenheit. Diesen Fundus dann auch noch zu einem Episodenroman um- und auszubauen ist eine literarische Leistung. Luis Stabauer präsentierte im Rahmen von „Weihnachten im Advent 2015“  sein neuestes Buch „Atterwellen“, das heuer im Resistenz-Verlag veröffentlicht wurde.  Stabauer mischte die Tagebucheintragungen der Hauptfigur Erna mit Episoden, die ihr Leben von außen beschreiben. Der zeitliche Bogen geht von 1944 bis Anfang der 2000er Jahre.

Beeindruckend war bereits der Einstieg: Kurze Tagebucheintragungen dienten der Exposition und zeigen eine Frau, die alleine auf sich selbst gestellt, gottesfürchtig und fromm auf die Rückkehr ihres Allerliebsten wartet. Lapidar erscheinen nebenbei die Kommentare zur politischen Großwetterlage: der Tod Hitlers, die Einträge zu Begräbnissen, Mauthausen. Diese Eintragungen geben ein wenig den Ton vor und bereiteten die Zuhörer/innen darauf vor, dass die Protagonistin des Werks kein einfaches Leben haben würde.

Im Zentrum von Stabauers Erzählung steht mit Erna eine Mutter von fünf Kindern, die 1947 voller Zukunfstfreude heiratet. Die kleine Familie zieht nach Seewalchen an den Attersee. Der Mann nimmt eine Stellung als Postbote an. Während die Frau zu Hause bei den Kindern bleibt, geht ihr Mann nicht nur in der Arbeit, sondern zusehends im Alkohol und im eigenen Frust auf. Eine Entfremdung findet statt und der einst geliebte Gatte und Ehemann wird zu einem Patriarchen im Westentaschenformat, während seine Frau zu Hause oft mit dem Essen vergebens wartet und sich eigentlich nur dem Tagebuch anvertrauen kann. Erna fristet ein Leben in einer Art „Wartesaal“.

Von den Tagebüchern zur Scheidung

Nach über 10 Jahren Ehe beginnt Leopolds heile Welt zwischen Arbeit, Wirtshaus und dem Schlafzimmer von anderen Frauen zu bröckeln, da Erna langsam aber sicher ihr Leben in die Hand nimmt. Luis Stabauer skizziert diese Episoden wunderbar: statt dem gemeinsamen Besuch der Christmette, wartet die Familie nur auf den volltrunkenen Vater. Die Mutter zu müde um zu streiten wird von der ältesten Tochter würdig vertreten. Solche Ereignisse geben Erna immer mehr Vertrauen in sich selbst. Sie reicht die Scheidung ein und arbeitet als Wirtin im Ort. Sie ist die „Mutti“, eine Kümmerin, die ein offenes Ohr nicht nur für ihre fünf Kinder hat. Stabauer beschreibt zwischen den Tagebucheintragungen eine Erna, die aufblüht, zu Hilde Knefs Kriminal Tango „schwoft“ und 1977 sogar nach New York reist um ihre erwachsene Diplomaten-Tochter zu besuchen. Die Zuhörer/innen im read!!ing room erlebten eine Erna, die schlussendlich ihren Frieden mit ihrem Ex-Mann macht; wenn auch auf ihre ganz besondere Weise.

Sitten- und Zeitgeschichte

Luis Stabauer präsentierte im Rahmen von „Weihnachten im Advent 2015“ eine wunderbare Familiengeschichte aus Seewalchen, die jedoch genauso gut in Wien, in Berlin oder in einem verschlafenen Nest in der französischen Provinz stattfinden könnte. Es ist jedoch auch eine Familiengeschichte der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: Sittenbild und Zeitgeschichte zugleich. Die Idee Tagebuchpassagen in einen episodenhaften Roman zu montieren verleiht dem Buch und ihren Figuren eine unglaubliche Authenzität.

Veröffentlicht in read!!ing room Organisatorisch

Kommentaren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.