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Generation des Abschieds – Generation der Ankunft

Fulminante Borchert-Lesung im read!!ing room

Wolfgang Borchert, Jahrgang 1921, schaffte den Sprung in den berühmt-berüchtigten  27er-Klub nicht ganz. Er verließ diese Erde im zarten Alter von 26 Jahren, nicht ohne ein beeindruckendes Schaffen zu hinterlassen. Sein wohl bekanntestes Werk ist ohne Zweifel „Draußen vor der Tür…“.

Borchert ist einer der Repräsentanten der sogenannten „Stunde 0“ in der deutschen Literatur. Seine Texte handeln vom Krieg, aber auch vom Nachhausekommen jener, die nach dem Krieg ungewollt sind – auch wenn Begriffe wie posttraumatische Belastungsstörung nicht vorkommen, sind viele seiner kurzen Texte eine eindringliche Bestandsaufnahme der Deutschen und über Deutschland nach dem Krieg und haben alleine aufgrund dieser Thematik einen allgemein gültigen Charakter.

Stefanie Gmachl, als Arrangeurin der Lesung, positionierte „Generation ohne Abschied“ folgerichtig als ersten Text. Die Vorleser*innen des Abends – Stefanie Gmachl, Andrea Schwent, Rafael Witak und Manuel Girisch – begannen die Lesung im Chor und einem sehr typischen Text  für Borchert:  Kurz, präzise im Satzbau, mit einem eigenen Stakkato. Ein Rhythmus, der teilweise hypnotisch wirkte, füllte den Raum. Nur langsam verschieben sich die Inhalte. Aus der Generation ohne Abschied wird eine Generation der Ankunft. Auch in „Die lange lange Straße lang“ kommt es zu einem hypnotischen Rhythmus, der jedoch geprägt ist vom Marschieren beim Militär und in der Gestalt des Offiziers Fischers Ende und Neubeginn nach dem Krieg verbindet.

Schwerer Toback

Gmach, Schwent, Witak und Girisch waren gefordert – nicht nur weil Borcherts Texte oft „schwerer Toback“ sind und nicht unbedingt als lustig im herkömmlichen Sinn daherkommen – sondern weil sie es auch mit wechselnden Tonfällen und Stilen zu tun hatten. Dies könnte man mit der Jugend des Autors erklären. Doch es wäre zu kurz gegriffen, Borchert als einen Autor zu bezeichnen, der noch auf der Suche nach der eigenen Stimme war. Borchert versuchte sehr bewusst den Ton und den Stil an die jeweilige Erzählung anzupassen.  Als beredtes Beispiel ist „Die Kegelbahn“ zu nennen. Hier arbeitet Borchert mit unterschiedlichen Mitteln. Er nutzt einen Prolog um inhaltlich die Brücke zwischen Titel, Metaphernstrang und Aussage des Textes zu bauen. Die Kugel dient dabei als Homonym. Die Kegeln sind gleichsam die Menschen, die umfallen, wenn auf sie geschossen wird.  Durch diese fast absurde Metapher und den eingestreuten Dialog zwischen zwei Soldaten bekommt der Text etwas Groteskes. Der vermeintlich leicht einfältige Erzählstil hat dabei nur einen Zweck: Der Text wird zu einer brennenden Anklage für den sogenannten Dienst an der Waffe – auch heute noch, in einer Zeit in der Überlegungen zur sogenannten Grenzsicherung auf den wohlwollenden Applaus der „Plebs“ fallen.

Gedichte zur Auflockerung

Gmachl, Schwent, Witak und Girisch streuten Gedichte ein, die teilweise in sehr expressionistischen Farben schillerten („Großstadt“, „In Hamburg“) und lockerten somit – so eigenwillig dies auch klingen mag – die Lesung auf. In der Tat präsentierten die vier Lesenden eine Tour de Force durch das Borchertsche Werk. Das Publikum war sich weitgehend einig, dass es wichtig ist, diesen großen, jungen Autor (wieder) zu entdecken.

Gelegenheit hierzu geben unsere Vorleser*innen zwischen dem 10. und 28. April  im „theater experiment“ . In einer Bearbeitung von Fritz Holy treten  Stefanie Gmachl, Andrea Schwent, Erwin Bail, Manuel Girisch, Alexander Nowotny und Rafael Witak in Borcherts Klassiker „Draußen vor der Tür“ auf. Gespielt wird Dienstag bis Samstag jeweils um 20.00 Uhr.

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