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Das Klumperium schlägt zurück – Horst Dinges‘ Monolog eines Gehörnten

Suchbild mit einem Fehler. Sachdienliche Hinweise bitte an den read!!ing room. Fotos von B.A.E.S.

Lorenz Oliver hat es schwer. Von der Ehefrau betrogen, alleine gelassen, kinderlos und auf Wohnungssuche. Lorenz Oliver ist die neue Figur des Schauspielers, Autors und Regisseurs Horst Dinges. Lorenz Oliver ist ein Alter Ego von Dinges; ein Mittvierziger, ein Mann in den besten Jahren, wie man so schön sagt. An dieser Stelle geziemt es sich darauf hinzuwiesen, dass Ähnlichkeiten zwischen dem Autor und dem Darsteller Dinges und dessen Figur Oliver natürlich vollkommen zufällig und absolut unbeabsichtigt sind.

Es beginnt mit einem Desaster. Lorenz Oliver wurde von seiner zukünftigen Ex-Frau Margit vor die Tür gesetzt und befindet sich auf Wohnungssuche. Da Männer bekanntlich Niederlagen auch feiern wollen, wird der Rausschmiss gebührend mit einer Flasche Zweigelt begossen. Neben der Wohnungssuche (selbstverständlich per App) und der Verarbeitung der Noch-Ehe – einige machistische Zoten dürfen nicht fehlen -entwickelt Dinges eine Figur, die ein noch viel größeres Problem als den Zusammenbruch seiner Lebensgrundlage hat: Lorenz Oliver ist zu allem Überfluss auch noch Kabarettist. Ehe, Existenz und Wohnungssuche sind die Eckpfeiler der äußeren Handlung. Dazwischen holt Laurenz Oliver zum Rundumschlag aus. Es kommt alles dran, was ihm lieb und teuer war: das Leben als Kabarettist, die Ehefrau, der Liebhaber der Ehefrau (übrigens der Nachbar), Frauen und Männer im Allgemeinen, Jugendwahn, Castingformate, das Fernsehen an sich. Alles wird besprochen und bewertet. Sogar die Fehde zwischen Heidi Klum und Roger Willemsen ist Thema. Kulturkritische Bonmots fliegen tief. Dazwischen Zweigelt. Alkohol löst ja die Zunge und lässt den Geist schweifen. So weit, so stimmig.

Der Kabarettist als „Petrocelli“

Des Pudels kabarettistischer Kern ist eigentlich genial. Lorenz Oliver leidet als Figur/Kabarettist am Jammer/Raunzer-Stellvertretersyndrom. Er ist der „Petrocelli“ aller Entrechteten irgendwo in der Midlife-Krise. Einfaches Meckern und Motschgern – und sei es noch so intellektuell und kulturkritisch verpackt – wäre zu einfach. Lorenz Oliver lädt als Kabarettist alles auf sich und spricht es aus. Er wird zum Katalysator für den Frust einer ganzen (Männer)generation. Deshalb fragt er auch oft im Publikum nach, ob eh niemand da sei, der eh nicht … Man will ja niemanden verletzen. Für seine politischen Inkorrektheiten heischt er keinen Applaus, sondern sucht ein Bett zum Schlafen oder Leute, die ihn etwa bei der Erstellung einer Website unterstützen.

Im Wesentlichen handelt es sich bei „Von Erbsen und Knallschoten“ um den Monolog eines Verzweifelten, der sich in einen Wirbel redet. Lorenz Oliver ist bei aller Verzweiflung, vor allem eines: er ist überfordert. Er bietet sich zwar als Projektionsfläche für sein Publikum an, überträgt aber gleichzeitig die eigene Überforderung auf sein Publikum, indem er von einem Thema zum anderen springt, teilweise lose Enden produziert und immer schneller redet/liest. Vom Stil her denkt man unweigerlich an Gunkl, allerdings auf Koks und Speed zugleich.

Husarenritt

Dieses Konzept kann funktionieren, ist allerdings eine Herausforderungt in der Umzusetzung. Weniger wäre daher vielleicht mehr gewesen. Tolle Wortspiele wie „das Klumperium schlägt zurück“ (Klum, Klumpert und Star Wars in einem kurzen Satz!!!) oder „dann hat es sich ausgemendelt“ (in Bezug auf die menschliche Reproduktion) verloren in Dinges ‚ verbalem Husarenritt ihren Glanz.

Absolut charmant empfand ich die von Dinges selbst initiierte Feedbackrunde am Schluss seiner Darbietung, die vom Publikum gerne angenommen wurde. So etwas ist dann fast nur in einem Rahmen wie dem read!!ing room möglich, wo sich Publikum und Künstler/innen auf Augenhöhe begegnen.

Veröffentlicht in read!!ing room Organisatorisch

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