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beziehungsweise gelogen – drei junge Männer wagen es beziehungsreich: Eine Menüfolge

Die 3M: Martin Peichl, Maximilian Kaiser, Max Haberich

„Zum Feiern haben wir nichts.“ Der erste Satz von Martin Peichl war das perfekte Anti-Motto für einen Abend, an dem es sehr wohl sehr viel zu feiern gab. Drei junge Männer der Literaturgruppe „Jung Wien 2014“ waren angetreten, um das Thema Beziehung auf allen möglichen und unmöglichen Ebenen zu beleuchten. Peichls erotischer Zugang zu Literatur und Sprache wurde gleich einmal sehr konkret. Erigierte Metaphern prallten zwischen einem Ich und einem Du ineinander. Der zweite Text deutete bereits einen zweite Tendenz an. Es ging neben Beziehungen auch um Musik, um Pop(kultur) im besten Sinn. Ein  Reggae, also. „Roxanne“. Kam den meisten wohl bekannt vor und doch war sie irgendwie neu, diese Roxanne. Denn Roxanne war anders – irgendwie resolut. Sie vertrat die Meinung, dass man in Linz eingehe – no offense.

Maximilian Kaiser schloss mit „Automatische Begierde“ an. Wieder tauchte es auf … das Du, das unerreichbare Du. Kaiser übte sich im zeitgenössischen Minnesang – auch wenn die Angebetete so anders, so kalt und so metallisch war – eine neue „Christine“ vielleicht? Der Dritte im Bunde – Max Haberich – rundete die literarischen Vorspeisenorgie mit „Ein Freund“ ab. Haberich besuchte die Untiefen dessen, was man eine bürgerliche Ehe nennt und vermittelte sehr rasch, dass eine einseitige Liebe sehr brutal sein kann. Dieses Thema bearbeitete Haberich in einer klassisch gehaltenden Erzählung.

Wir deklinieren „schnackseln“

Martin Peichl servierte den zweiten Gang und führte seinen Dialog zwischen einem Ich und einem Du in das Metaphernfeld des Theaters und des Films – inklusive Deklination des wunderbaren Verbs „schnackseln“.  Und wenn Sie jetzt „Huch, darf der das?“ denken, kann ich Ihnen versichern: Es ist keine große Sache in literarischen Gefilden Verben, die Geschlechtsverkehr beschreiben, zu deklinieren. Schließlich hat Marcel Reich-Ranicki vor laufender Kamera das Wort „ficken“ auf unnachahmliche Weise gebeugt. Und seien wir ehrlich: Schnackseln ist allein aus klangmalerischer Sicht das feinere Verb.

Maximilian Kaiser sorgte für das lyrische Entremet der zweiten Speisefolge. Er trug Gedichte vor, die sich mit den Beziehungen zwischen „Menschen und Umwelt“ beschäftigten. Er bearbeitete das Thema mit stark expressionistischen Gedichten wie „Alte Tage… Man fühlte sich an einen phantastischen Expressionismus der Zwischenkriegszeit erinnert. Kaiser bewies, dass er verschiedene Register ziehen kann. Sein Entremet war zwar nicht ganz so bekömmlich – aber das war ein gut gesetzter Gegenpunkt zu den bis zu diesem Zeitpunkt kredenzten Speisen.

Max Haberich kam in seiner Prosa auf den Hund und servierte zum Abschluss dieses Ganges nicht nur eine leicht bekömmliche Prosa, sondern servierte den Hund seiner Geschichte einfach ab.

Der dritte Gang – heavy stuff und Dessert

Nach einer kurzen Pause ging es weiter. Max Haberich kredenzte ein schweres Gericht Marke „heavy stuff“. Das Thema: Eine Variation auf den Ärzte-Song „Manchmal, aber nur manchmal haben Frauen ein bisschen Haue gern“. Maximilian Kaiser schloss sich mit Gedichten aus seiner Sammlung „Herbstgedanken“ an – und servierte ein Kontrastprogramm. Ein „Ozean der Gefühle“ führte zum „Abschied“. Als kleines Soufflé bot er noch ein formvollendetes Sonett an. Martin Peichl beendete den dritten Gang und leitete seinen  Text mit „Man kann Wikipedia lesen oder dem nächsten Text zuhören“ ein. Sein Ausgangspunkt war die Expedition der „Endurance“ durch die Antarktis, die Entdeckung des Pluto und die Entwicklung des Post-Its. Peichl schlug den Bogen von großen Entdeckungen zum Alltag einer Mann-Frau-Beziehung. Grandios. Nachtisch und Tee wurden von Max Haberich auf einem literarischen Teewägelchen in den Salon gerollt. Obwohl schon eine spätere Stunde schlug, entführte der Arthur-Schnitzler-Spezialist das anwesende Publikum in die bisweilen bizarre Welt einer Upper-Class-5-Uhr-Tee-Gesellschaft an der Udo „Aber bitte mit Sahne“ Jürgens eine wahre Freude gehabt hätte. Mit den Ingredienzien Tratsch und Käsekuchen stellte Haberich sein satirisches Talent unter Beweis.
Maximilian Kaiser lud mit seinen Premierentext „Whisky und One Night Stand“ an die virtuelle Bar und zum Digestiv. Ein Date im studentischen Milieu mit Bier und Whisky artete mit zunehmendem Alkoholkonsum in eine Konfrontation mit dem eigenen Ich aus. Virtuos.

Martin Peichl schloss seine Lesung mit zwei Texten: „Fotos“ und „Donau.Kanal.Treiben“, eine Variante des Romeo und Julia-Sujets mit Radiohead und Soundgarden – Soundtrack. Er sorgte für den Nachschlag des Abends. Erdäpfelgulasch kann ja so geil sein.

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