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Berühmte Margaretnerinnen – All genders welcome

Eine Spurensuche durch die weibliche Geschichte Margaretens

Der Wiener Kulturverein read!!ing room bietet seit 2007 eine Frauentour durch den 5. Bezirk an, die seither laufend aktualisiert und erweitert wird. Unter dem Titel „Berühmte Margaretnerinnen – All genders welcome“ führt die Kult.tour durch die HERstory eines Bezirks, der auf den ersten Blick vor allem als klassischer Arbeiter:innenbezirk bekannt ist – bei näherer Betrachtung aber eine erstaunliche Dichte an weiblicher Geschichte aufweist. Am 7. März 2026 fand eine weitere Ausgabe unseres Spaziergangs statt. Hier einige wenige Highlights.


Frauenklöster in Margareten: Eine teilweise vergessene Geschichte

Eines der auffälligsten Kapitel dieser Tour ist die bemerkenswert hohe Konzentration von Frauenklöstern, die Margareten und seine unmittelbare Umgebung im Mittelalter prägten. Wiens religiöse Frauengemeinschaften hinterließen im Stadtbild tiefe Spuren – auch wenn viele ihrer Bauten heute nicht mehr existieren.

Zu den bedeutendsten zählte das Dominikanerinnenkloster St. Laurenz, das bereits im frühen 14. Jahrhundert am alten Fleischmarkt bestand und aus Zuwendungen von Bürgersleuten und dem Herrscherhaus gefördert wurde. Nach den Verwüstungen durch die Pest übernahmen Augustinerinnen das Haus. 1629 begannen sie mit einem Neubau, der 1660 fertiggestellt war.

Ebenfalls im Bezirk verwurzelt sind die Franziskanerinnen der christlichen Liebe. 1888 begannen sie mit dem Bau eines eigenen Klosters in der Hartmanngasse und eines Spitals, das 1890 gesegnet wurde. Aus diesem Haus entstand das heutige Franziskus Spital Margareten – eine direkte Linie von weiblicher Ordenstätigkeit zur modernen Krankenversorgung im Bezirk. Besonders eindrücklich ist die Geschichte von Schwester Maria Restituta, die dem Orden angehörte und am 30. März 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde, weil sie sich geweigert hatte, Kruzifixe aus Krankenzimmern zu entfernen.

Die Klarissen von der Ewigen Anbetung – auch Franziskanerinnen vom Heiligsten Sakrament genannt – sind seit 1898 in Margareten präsent. Gegründet wurde das Wiener Kloster von Mutter Maria Morawska aus Lemberg. Anstelle einer zunächst errichteten Barackenkirche entstand in der Gartengasse ein Kirchenneubau im Stil der Neorenaissance, der bis heute besteht und das Viertel prägt. Von Wien aus gründeten die Schwestern weitere Klöster in den USA und in Indien – ein eindrucksvolles Beispiel für die internationale Ausstrahlung einer kleinen Gemeinschaft aus Margareten.

Diese religiösen Frauengemeinschaften waren nicht nur spirituelle Orte – sie waren Zentren von Bildung, Pflege und sozialer Versorgung mitten im städtischen Alltag.

Spaziergang. Berühmte Margaretnerinnen. 07. März 2026

Margarete Schütte-Lihotzky: Eine Tochter des Bezirks

Die wohl berühmteste Margaretenerin ist Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000). Sie wurde im 5. Bezirk geboren und kehrte nach einem Leben voller Stationen – Frankfurt, Moskau, Istanbul, Gefangenschaft – wieder dorthin zurück: Ihre letzten rund 30 Lebensjahre verbrachte sie in einer 55-Quadratmeter-Wohnung in der Franzensgasse in Margareten, die sie nach eigenen Entwürfen gestaltete.

Schütte-Lihotzky war eine der ersten Frauen, die in Österreich Architektur studierten, und gilt als Pionierin des sozialen Wohnbaus. International bekannt wurde sie durch die Frankfurter Küche von 1926 – den Urtyp der modernen Einbauküche, der in über 10.000 Wohnungen verbaut wurde und bis heute Referenzpunkt für funktionales Wohnraumdesign ist. Weniger bekannt ist ihr politisches Engagement: Als Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus reiste sie Ende 1940 aus dem sicheren Istanbul nach Wien, wurde im Jänner 1941 von der Gestapo verhaftet und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Nur knapp entging sie dem Todesurteil.

Nach dem Krieg erhielt sie trotz ihrer internationalen Expertise als bekennende Kommunistin kaum öffentliche Aufträge – ein Umstand, der erst im hohen Alter durch zahlreiche Preise und Ehrungen (unter anderem der Preis der Stadt Wien für Architektur und mehrere Ehrendoktorate) zumindest teilweise anerkannt wurde.

Heute ist ihre ehemalige Wohnung in der Franzensgasse 16 als Margarete Schütte-Lihotzky Zentrum öffentlich zugänglich. 2024 wurde die Küche nach dem Original rekonstruiert. Ein großformatiges Wandporträt auf der benachbarten Feuermauer macht sie auch im Straßenbild des Bezirks sichtbar.

Die Tour: HERstory als Stadtspaziergang

Die Frauentour des read!!ing room geht weit über einzelne Persönlichkeiten hinaus. Sie verbindet Frauenklöster, die Geschichte der schulischen Mädchenbildung, die Schöpferin der stadtbekannten Skulptur „Die Hexe“ und zahlreiche weitere Kapitel weiblichen Lebens und Wirkens im Bezirk zu einem zusammenhängenden Spaziergang durch die Geschichte Margaretens.

Seit ihrer ersten Ausgabe im Jahr 2007 wurde die Tour laufend um neue Erkenntnisse und Perspektiven erweitert. Der Verein read!!ing room, der sich der Alltagskultur Wiens verschrieben hat, versteht sie als lebendiges Format – als Einladung, den Bezirk mit anderen Augen zu sehen.


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