Am 30. Oktober 2026 lud der read!!ing room zu einem Vortrag mit dem Titel „Erinnern, ehren, entfernen oder kontextualisieren? Erinnerungskultur in Margareten“ in die „Gretl“ am Wiener Einsiedlerplatz. Im Mittelpunkt des Abends stand die Frage, wie Erinnerungskultur in Margareten funktioniert und auf welche Weise Geschichte im öffentlichen Raum sichtbar und verhandelbar wird.
Ausgangspunkt des Vortrags war ein Zitat des österreichischen Schriftstellers und Essayisten Franz Schuh, der Erinnerungskultur in einer Rede zum „Fest der Freude 2025“ als „pädagogisch verordneten Eskapismus“ bezeichnete. Ergänzend wurde diskutiert, dass Formen des Erinnerns stets stark lokal geprägt sind und sich vor allem im öffentlichen Raum manifestieren. Als Kontrastbeispiele dienten die luxemburgische Stadt Ettelbrück mit ihrer bis heute sichtbaren Verehrung von General George S. Patton sowie der Memento Park in Budapest, in dem Denkmäler aus der Zeit des Staatssozialismus gesammelt und neu kontextualisiert wurden.
Erinnerungskultur – bitte im Plural
Gerade Margareten verfügt über eine vielschichtige und teilweise einzigartige Erinnerungskultur. Die zahlreichen Gemeindebauten verweisen auf die Geschichte des „Roten Wien“ und die sozialdemokratische Identität des Bezirks. Die „Steine der Erinnerung“ machen die einst bedeutende jüdische Präsenz in Margareten sichtbar und erinnern an die Opfer der Shoah. Gleichzeitig erzählen Straßennamen von politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen vergangener Epochen. Neuere Formen des Gedenkens ergänzen dieses Bild, etwa der „Walk of Fem“ im Schütte-Lihotzky-Park, der Frauen sichtbar macht, die lange Zeit im öffentlichen Gedächtnis unterrepräsentiert waren und noch immer sind. Lediglich vier von siebzehn Gemeindebauten in Margarten sind nach Frauen benannt.
Da es in Margareten nur wenige Institutionen gibt, die sich dauerhaft der lokalen Erinnerungsarbeit widmen, kommt dem öffentlichen Raum eine besondere Bedeutung zu. Eine wichtige Ausnahme bildet dabei das QWIEN. Im Alltag sind es vor allem Straßennamen, Denkmäler, Gedenktafeln und historische Orte, die das kollektive Gedächtnis des Bezirks prägen. Sie erinnern nicht nur an historische Persönlichkeiten und Ereignisse, sondern werfen auch Fragen nach gesellschaftlichen Wertvorstellungen, politischen Entscheidungen und historischer Verantwortung auf.

Der Vortrag führte die Teilnehmer:innen auf einen visuellen Rundgang durch den Bezirk. Thematisiert wurden unter anderem die Erinnerungszeichen an die zerstörte Synagoge in der Siebenbrunnengasse sowie zahlreiche Straßennamen und Gedenkorte, deren historische Hintergründe heute vielfach kaum noch bekannt sind. Dabei wurde deutlich, wie eng Erinnerungskultur mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Debatten verknüpft ist.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Umgang mit umstrittenen Ehrungen im öffentlichen Raum. Anhand der Diskussionen rund um das Lueger-Denkmal in Wien sowie der Auseinandersetzungen über Stolpersteine wurde gezeigt, dass Erinnerungskultur kein statischer Zustand ist, sondern ständig neu ausgehandelt wird. Die Frage, ob historische Persönlichkeiten weiterhin geehrt, kritisch eingeordnet oder ihre Ehrungen zurückgenommen werden sollen, beschäftigt Städte und Gemeinden weit über Wien hinaus.
Kontextualisieren oder canceln
Statt einfache Antworten zu liefern, setzte die Veranstaltung auf historische Einordnung und kritische Reflexion. Besonders die Kontextualisierung historisch belasteter Erinnerungsorte wurde als zukunftsweisender Ansatz hervorgehoben. Als Beispiele wurden die Erläuterung des Namensgebers der Stauraczgasse sowie die Einordnung nationalsozialistischer Kunst am Gebäude Brandmayergasse 27 genannt. Solche ergänzenden Informationen ermöglichen es, problematische Aspekte sichtbar zu machen, ohne historische Spuren aus dem Stadtbild zu entfernen. In diesem Sinne wurde auch für eine stärkere Kontextualisierung weiterer umstrittener Straßennamen und Denkmaldarstellungen in Margareten plädiert.
Der Abend zeigte eindrucksvoll, dass sich die Geschichte eines Bezirks nicht nur in Archiven, Büchern oder Museen findet, sondern unmittelbar im Stadtraum eingeschrieben ist. Margareten bietet hierfür ein besonders anschauliches Beispiel. Zwischen Straßenschildern, Parks, Denkmälern und Gedenktafeln wird Vergangenheit sichtbar und lädt dazu ein, die eigene Umgebung bewusster wahrzunehmen. Erinnerungskultur erschien dabei nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als fortlaufender gesellschaftlicher Dialog über Geschichte, Verantwortung und die Frage, wie wir uns an Vergangenes erinnern wollen.
So wurde deutlich: Gedenken bedeutet nicht nur Bewahren, sondern auch Hinterfragen, Einordnen und Diskutieren. Gerade auf lokaler Ebene entstehen dadurch wichtige Impulse für einen reflektierten Umgang mit der Vergangenheit und für eine lebendige Erinnerungskultur im 21. Jahrhundert. Viele Themen bleiben noch aufzuarbeiten.


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