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kult.tour: Diversität und Widerstand

Vergangenheit und Zukunft

Margareten – der 5. Wiener Gemeindebezirk – ist ein Viertel der Widersprüche und der Vielfalt. Hier lebten und leben Arbeiter:innen und Künstler:innen, Migrant:innen, Studierende und alteingesessene Wiener:innen. Hotspot der queeren Communitys und Kellerquartier der Identitären.

Diese kult.tour lädt ein, Diversität nicht als abstraktes Schlagwort zu verstehen, sondern als gelebte, umkämpfte und immer wieder neu ausgehandelte Realität im öffentlichen Raum zu entdecken. Widerstand – ob kollektiv oder individuell, ob via Bürgerbeteiligung oder wilder Demo, sichtbar oder leise – zieht sich durch alle Stationen dieses Rundgangs wie ein roter Faden.

Station 1 – Sankt Florian: Anfang und Verortung

Wir beginnen unsere Tour an der Kirche Sankt Florian. Kirchengebäude sind in Wien nicht nur religiöse Orte – sie sind Marker sozialer Geschichte. Wer hier getauft wurde, wer hier geheiratet hat, welche Sprachen in diesen Mauern gesprochen wurden, erzählt viel über die wechselnde Zusammensetzung der Bevölkerung.

An der Fassade neben dem Eingangsbereich der Pfarrei findet sich heute eine unscheinbare, aber bedeutsame Plakette: das a+o | akzeptierend und offen | Prädikat der Regenbogenpastoral Österreich. Das Prädikat zeichnet Pfarren und kirchliche Organisationen aus, die sich zu einer queersensiblen und queerfreundlichen Haltung verpflichten. regenbogenpastoral

Der theologische Auftrag dahinter ist konkret benannt: In der Umsetzung von Amoris laetitia soll gewährleistet sein, dass jeder Mensch in seiner Würde geachtet und mit Respekt aufgenommen wird. Das Prädikat soll für queere Menschen sichtbar machen, dass sie eine offene Tür für ihre Lebensweisen, Anliegen und ihr Engagement haben.

Sankt Florian hat das a+o Siegel. Willkommen unter dem Regenbogen

Station 2 – Zenta Platz: Theoretischer Input: Was ist Diversität? Das Diversity-Rad

Weiter geht die Tour zum Zentaplatz. Hier im Nahebereich der „Tapete Bar“ erfahren die Teilnehmenden mehr zum Diversity-Rad (auch: Wheel of Diversity). Das Analysewerkzeug wird oft in der Antidiskriminierungsarbeit eingesetzt. Es visualisiert die verschiedenen Dimensionen menschlicher Identität und Zugehörigkeit – und macht sichtbar, wie diese Dimensionen zusammenwirken.

Innerer Kern (unveränderliche oder schwer veränderliche Merkmale): Alter, Geschlecht, körperliche Fähigkeiten, ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Religion/Weltanschauung

Äußerer Ring (durch Erfahrung und Kontext geprägt): Bildung, Einkommen, geografische Lage, Familienstand, Beruf, Sprache, Staatsbürgerschaft

Entscheidend an diesem Modell ist der Begriff der Intersektionalität – geprägt von der US-amerikanischen Wissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw (1989): Diskriminierung funktioniert selten entlang einer einzigen Achse. Eine Frau mit Migrationsgeschichte, die in Margareten in Niedriglohnarbeit tätig ist, erfährt nicht einfach „Frauendiskriminierung“ plus „Rassismus“ – sie erlebt eine spezifische, verschränkte Form von Benachteiligung, die sich keiner dieser Kategorien allein zuordnen lässt. Widerstand beginnt oft dort, wo Menschen beginnen, diese Verschränkungen zu benennen und zu verweigern.

Station 3 – Diversity Think Tank Consulting GmbH, Stolberggasse

Wenige Gehminuten Zentaplatz entfernt, in der Stolberggasse, befindet sich der Diversity Think Tank – eine der wenigen österreichischen Institutionen, die Diversität nicht bloß als HR-Konzept oder Unternehmensberatungsware versteht, sondern als gesellschaftspolitisches Projekt.

Der Diversity Think Tank arbeitet an der Schnittstelle von Forschung, Bildung und aktivistischer Praxis. Aber lassen wir doch die Gründer Manuel Bräuhofer und Peter Rieder selbst zu Wort kommen:

„Die Diversity Think Tank Consulting GmbH ist eine klar ergebnisorientierte Unternehmensberatung für Diversity Management und Inklusion. Wir machen Diversität in unseren Trainings und Seminaren erlebbar und gestalten den Diversity Campus als innovative Plattform für E-Learning-basiertes Vielfaltslernen. Unser Know-how und unsere praxistauglichen Tools machen ein umfassendes Diversity Management für jede Organisation strukturiert möglich.

Der Diversity Think Tank unterstützt mit durchdachten Projekten, Publikationen und Events eine neues Bild von Arbeit und Wirtschaft. Unser Ziel ist es, die Arbeitswelt für unterschiedlichste Menschen so zu gestalten, dass sie sich bestmöglich entfalten können – so wie sie sind.“

https://www.diversitythinktank.at/ueber-den-diversity-think-tank-austria/.

Aber nicht nur die „Diversity Think Tank Consulting GmbH“ ist in Margareten zuhause, auch der Verein „Zara“ (bekannt für seinen Rassismus-Report) und das Engagement gegen Hass im Netz ist seit Jahrzehnten in Margareten beheimatet.

Station 4 – Queer in Margareten

Margareten hat eine im zeitgeschichtlichen Mainstream begrenzt bekannte, aber lebendige queere Geschichte. Lange bevor die Regenbogenparade zu einem wichtigen Event der Szene wurde, existierten in Arbeiterbezirken wie dem 5. Wiener Gemeindebezirk informelle Netzwerke schwuler Männer – in Hinterzimmern, Kaffeehäusern und Parkanlagen.

In der Nachkriegszeit war Homosexualität in Österreich bis 1971 unter Strafe gestellt (§ 129 StGB), das diskriminierende Schutzalter für gleichgeschlechtliche Kontakte blieb sogar bis 2002 bestehen. Er war der Verfassungsgerichtshof, der es aufhob, nicht die politische Willensbildung quer durch die Parteien.

Der Widerstand queerer Menschen in Margareten war selten der große, sichtbare Protest – er war das tägliche Beharren auf Existenz: das Pärchen, das sich trotzdem die Hand hält. Der Wirt, der wegschaut. Die Nachbarin, die schweigt, aber schützt.

Heute ist Margareten ein lebendiges queeren Grätzl in Wien, mit Lokalen, Vereinen und Communitys, die offen sichtbar sind. Mit QWIEN befindet sich sogar ein „Zentrum für queere Geschichte“ in der Ramperstorffergasse. Dieser Wandel – von erzwungener Unsichtbarkeit zu selbstbewusster Präsenz – war kein Selbstläufer, sondern das Ergebnis eines jahrzehntelangen Kampfes.

Werbung in eigener Sache

United by queerness - Qween - Ausstellungsbesuch mit führung

Station 5 – Die Identitären: Rechtsextremismus im Viertel

Wir sprachen von Gegensätzen: Größer können Sie nicht sein. Es gibt Kräfte, die Vielfalt aktiv bekämpfen. Gerade in Margareten ist die Identitäre Bewegung Österreich (IBÖ) präsent, eine rechtsextreme Gruppierung, die sich auf einen vermeintlich bedrohten europäischen „Ethnopluralismus“ beruft.

Die Identitären operieren bewusst im Graubereich: Sie vermeiden offen nationalsozialistische Symbolik, nutzen stattdessen andere Symbole und Bezeichnungen und inszenieren sich als jugendliche Bürgerbewegung. Ihr Kern ist jedoch unmissverständlich: ethnischer Nationalismus, Islamfeindlichkeit und die Ablehnung von Einwanderung.

Für Margareten, ein Viertel mit hohem Migrationsanteil, ist diese Ideologie keine abstrakte Bedrohung – sie richtet sich direkt gegen die Menschen, die hier leben. Die Identitären (oder wie auch immer sie sich zu nennen belieben) sind in Margareten präsent und das alleine ist schon ein Grund zur Sorge.

Wichtig in diesem Kontext: Zivilgesellschaftlicher Widerstand gegen die Identitären ist in Margareten vorhanden, wie das Straßenfest letzten Sommer bewies. Lokale Parteien und Vereine setzen dem Narrativ von Remigration und Co das Beispiel der gelebten Vielfalt entgegen. Nicht als naiven Gegenentwurf, sondern als konkrete, dokumentierte, erlebbare Realität.

Der Keller der Identitären

Station 6 – „Gastarbeiter:innen“ in Margareten: Migration als Stadtgeschichte

Keine Geschichte Margaretens kommt ohne die Geschichte der Arbeitsmigration aus. Ab den 1960er Jahren kamen Hunderttausende sogenannte Gastarbeiter:innen nach Österreich – überwiegend aus dem damaligen Jugoslawien und aus der Türkei – angeworben von einem Wirtschaftssystem, das ihre Arbeitskraft brauchte, aber ihre Menschlichkeit oft ignorierte.

Das Wort „Gastarbeiter“ ist selbst aufschlussreich. Die Sprache verrät die Absicht. „Gast“arbeiter:innen wurden als temporäre Arbeitskräfte, die wieder gehen würden, angesehen. Doch die Menschen blieben – weil sie Wurzeln schlugen, Familien gründeten, Kinder großzogen, die Wien als ihre Heimat betrachten.

In Margareten sind die Spuren dieser Geschichte allgegenwärtig: in den Moscheen und Gebetsräumen, in den Kulturvereinen jugoslawischer Nachfolgestaaten, in den Kaffeehäusern, in den Lebensmittelläden, deren Sortiment die Küchen Anatoliens und des Balkans nach Wien gebracht hat.

Gleichzeitig war und ist diese Bevölkerungsgruppe struktureller Benachteiligung ausgesetzt: in der Wohnungsvergabe, auf dem Arbeitsmarkt, in der Schule. Gastarbeiter:innen und ihre Nachkommen haben in Margareten nicht nur gearbeitet und gewohnt – sie haben den Bezirk mitgestaltet.

Der Margaretenplatz in den 50er Jahren. Hier war die tschechoslowakische sozialdemokratische Partei zu Hause

Station 7 – Bürgerbeteiligung am Beispiel Siebenbrunnengasse 29

Unsere letzte Station führt uns zur Siebenbrunnengasse 29 – einem konkreten Beispiel dafür, was passiert, wenn Bewohner:innen eines Viertels nicht Objekte der Stadtplanung bleiben wollen, sondern zu Subjekten werden.

Bürgerbeteiligung ist in Wien ein viel zitiertes, aber oft halbherzig umgesetztes Prinzip. An der Siebenbrunnengasse 29 lässt sich exemplarisch zeigen, wie Partizipationsprozesse aussehen können – und wo ihre Grenzen liegen. Wenn Anrainer:innen in Planungsprozesse einbezogen werden, stellt sich immer die Frage: Wessen Stimmen werden gehört? Die artikulierten, deutschsprachigen, bildungsnahen Bewohner:innen? Oder auch jene, die wenig Zeit haben, zu Bürgerversammlungen zu kommen – weil sie Nachtschicht arbeiten, weil sie die Sprache nicht fließend sprechen, weil sie gelernt haben, dass ihre Meinung sowieso nicht zählt?

Echte Bürgerbeteiligung bedeutet aktives Aufsuchen dieser Stimmen. Sie bedeutet Übersetzung – nicht nur sprachlich, sondern kulturell. Sie bedeutet, Formate zu entwickeln, die nicht nur den ohnehin Engagierten zugutekommen.

Abschluss: Was bleibt

Diese kult.tour hat keine einfachen Antworten gegeben – das war nie ihre Absicht. Sie hat Orte aufgesucht, die von Diversität und Widerstand erzählen: um Sichtbarkeit, um Würde, um das Recht, dazuzugehören.

Diversität ist kein Schmuckwort. Margareten ist kein perfektes Viertel. Aber es ist ein lebendiges – und das verdankt es genau jenen Menschen, deren Geschichten diese Tour aufzuspüren versucht hat.

Der read!!ing room dankt allen, die ihre Wissensräume geöffnet haben und die Tour mitgestalteten. Die Tour kann natürlich auf Anfrage – wie alle Touren – gebucht werden.

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