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Nichts für Simmel-Leser/innen und Spaßraucher/innen

Thomas Northoff präsentierete sein letztes Buch und gab einige Schmankerln zum Besten

Wenn Thomas Northoff im read!!ing room liest, kann man sich auf eine bunte Mischung gefasst machen. Der erste Teil seiner Lesung stammte aus „Nein Eleven – Entwurf nach der Wirklichkeit“, das 2015 in der Edition Art&Science veröffentlicht wurde.  Laut Verlagsbeschreibung führt das Poem die Leser/innen „in ein kriegerisches Textgelände, in ein Klima größtmöglicher atmosphärischer Authentizität, in dem die Komplexität un/menschlicher Geschehen entschlüsselt wird. Das Textgelände ist die Topographie mentaler Zustände. Und was manchmal lapidar herüberkommt, macht Unfassbares fassbarer.“

Der Autor brachte es in seiner unnachahmlichen Art und Weise auf den Punkt: „Simmelleser/innen werden denken, der kann nicht rechtschreiben.“ Gleichzeitig verwies das GAV-Mitglied auch darauf, dass er nach diesem Poem eine Pause brauche. Das Publikum war durch diese Ansage bereits auf das Äußerste gespannt. In der Tat: Die von Northoff erarbeitete Sprache seines Poems war  sehr gebrochen. Er paraphrasierte die Kriegssprache in ihrem unendlichen Stakkato. Der vorgetragene Text präsentierte sich nicht nur inhaltlich, sondern auch formal als eine Reflexion über Kriege im Allgemeinen, auch wenn klar wurde, dass „Gastgeber Wasserpfeife“ und „Stars and Stripes – kurs S&S“ auf einen ganz bestimmten Konflikt hinwiesen. Sprachbrocken aus dem Englischen mischten sich mit Zeitungsdeutsch und Neologismen. Northoff ließ bewusst Satzelemente weg; Artikel, Präposition und Kohäsion wurden bewusst ignoriert. Wortfetzen und zerfetzte Körper durchzogen den Text. Dadurch blieb die Brutalität der Kriegssprache – ja das Kriegsgeheul und Kriegsgebell unangenehm im Ohr der Zuhörer/innen picken. Northoff betonte zweimal an diesem Abend, dass er diese Art der Sprache bewusst gewählt hatte, da er als Außenstehender, der diesen Krieg nur aus zweiter Hand erlebt hatte, sich gar nicht dazu befähigt fühlte, in einer beschreibenden Art zu schreiben und so tun als sei er dabei gewesen.

Alle Elemente wurden in der gleichen Sprache nivelliert.  Northoff beleuchtete die einzelnen Bereiche des Krieges: Der politische (Sonntags)Diskurs, der Einsatz von Söldnern und privaten Sicherheitsunternehmen, aber auch die Nachwehen des Krieges. Traumatischen Belastungsstörungen, Versehrungen und Missbildungen wurden sprachlich genauso gefasst, wie der Kriegsakt selbst. Es sei der Versuch der Poetisierung einer Sprache, die eigentlich keine Poetisierung zulassen würde, gab der Autor in der Diskussion, die sich noch während der Lesung ergab, an. Es ging Northoff jedoch nicht darum einen poetischen Kommentar zum Krieg zu verfassen. Er wollte auch die kleinen Dramen des Krieges darstellen. Der Text war letztendlich mehr als ein Statement. Die von Northoff angedachte Pause entwickelte sich rasch zu einer Diskussionsrunde über Sprache, Poetik, Komik und Ernsthaftigkeit auf der Folie von Kriegen. Großartig.

Und nun etwas komplett Anderes:

Frei nach dem Monty Python-Motto,  begann der zweite Teil der Lesung mit Glücksschweinchentexten – mit besten Grüßen an das „Fröhliche Wohnzimmer“ von Ilse Kilic und Fritz Widhalm.   Eine besondere Freude war es wieder einmal „Schweindi spielt“ zu hören. Der Text beschreibt die Abenteuer, die sich hinter den Käfigmauern im Zoo Schönbrunn abspielen, aus der Sicht eines jungen Mannes, der als Tierpfleger dort arbeitete. Vor allem sollte man nicht glauben, wie renitent ein vietnamesiches Hängebauchschwein sein kann.  Das Ausmisten des Stalles  endete laut Ich-Erzähler nahezu jedes Mal in einem Ringkampf im griechisch-römischen Stil, bei dem meist das Schwein als Sieger hervorging. Schweindi wusste eben, was das Publikum wünschte und lieferte den Kindern und Pensionisten einen Showkampf.

Vom Schweindi zurück zum „Fröhlichen Wohnzimmer“. Northoff las einen Text mit dem Titel „Vor der Bekotung“. Der Text entstammt der Anthologie, die zum 60. Geburtstag von Fritz Widhalm veröffentlicht wurde, wobei Fritz Widhalm eigentlich nur eine Nebenrolle spielte. Die Bekotung bezog sich auf  eine angekündigte Provokation durch den Aktionismuskünstler Hermes Phettberg. Northoff zeigte, wie unterschiedlich Dinge bewertet werden können. Wenn Phettberg zu einer öffentlichen Bekotung rief, wurde fleißig applaudiert, meinte Northoff bei derselben Gelegenheit, dass er nach Hause ginge, um den Thron aus weißem Porzellan zu besteigen, wurde vom herbeidrängenden Publikum nur die Nase gerümpft. Die Moral der Geschichte: Nicht jeder Kot ist Kunst.

Northoff schloss den runden Abend mit einigen Gedichten und Sinnsprüchen ab. Etliche dieser kurzen Texte erinnerten an Graffiti-Sprüche; aber das ist ja auch ein Bereich in dem sich Thomas Northoff sehr wohl fühlt.

Summa in da Stadt 2016

Die Lesung von Thomas Northoff bildete den Schluss unseres Sommerfestivals, das heuer unter dem Motto „Hülsenfrüchte und Knallschoten“ firmierte. Zwölf Lesungen und Auftritte stehen zu Buche. Einige Autor/innen schrieben neue Texte speziell für das Thema, andere arrangierten bereits veröffentlichtes Material passend zum Thema. Allen Vortragenden, Lesenden und Autor/innen gilt unser Dank. Der e-reader mit den Texten des letzten Jahres wird wohl im September erscheinen. Mehr Infos hier an geeigneter Stelle. Wir bedanken uns bei den Autor/innen, Schauspieler/innen, Vortragenden und beim Publikum und freuen uns bereits jetzt auf den Dezember, wenn es wieder heißt: „Weihnachten im Advent“.

Veröffentlicht in Veranstaltungen

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